Montag, 26. Oktober 2015

Gebändigt, vollendet


Nur einmal durft‘ ich von dir kosten, glaubte mich satt – glaubte mich frei.
In höchste Höhen flogen wir; ich kam zurück, du flogst hinfort.
Einmal gekostet, für immer dir ergeben. Hätt ich das gewusst, ich hätt mich umgebracht.
Noch einmal sehn ich mich nach dir,
will hier raus und hoch zu dir – in deine Arme will ich fliegen,
gebändigte Lust und geißelnde Scham sind Blei an meinen Füßen.
So weiß ich, du bist fort, ich bin hier – ich sehne mich nach dir, kalter Lippen Abschiedskuss – ich will, ich kann nicht mehr.

Die Maske fällt



Im trüben Herbst,
wenn Blumen und Bäume ihr Kleid verlier’n,
wenn Nacktheit wild und roh sich emsig zwischen Lug und Trug gesellt,
wenn kühne Gedanken fahren fort, alte Fesseln sichtbar werden … wenn man weiß, man ist am falschen Ort.

Dann ist’s zu spät.
Dann kommt heraus ins Weite, ins unendlich weite … ins Kalte der Wahrheit fahder Schein.
Dann werden die Knochen schwer und brüchig, man sitzt allein voll Hass und Kummer und weiß:
Man ist gefangen – geknechtet im „man“, im Schicksal drein, vergebens zu suchen die Freiheit mein.

Der Baum hat sein grünes Kleid verlor’n, ist kahl, leblos, eingehüllt in tiefste Kummerqual’n,
letzte Blätter reißen ab, lassen vergessen die einst’ge Pracht,
übrig bleibt ein nackter Leib – Wahrheit, Wahrheit lässt sich nicht verbergen,
sie tritt hervor, zeigt eiskalt ihre Macht. Was nützt der Blick zum Sommer – es ist Herbst.

Baum ist tot – und der Mensch hat ihn umgebracht.
Ach weh, du Menschlein süß und zart, im Herbst du deine Leiden siehst,
verbergen kannst‘ sie nicht, verleugnen – und du stirbst.
Lass leben, was doch leben will; verlier deine Kleider – werde nackt, werd' wild, werd‘ frei.

Sonntag, 25. Oktober 2015

Auf dem Seil


Seiltänzer! Nimm dich in Acht!
Elegant schwingst du auf dem Seil,
hoch droben der Wirklichkeit fremder Leute,
und doch: nicht hoch genug, um zu sehen.

Seiltänzer, sei mutig – geh voran! Bleib nicht stehen!
Ein Beben, ein Donnern, ein Zucken, Stille, Atemnot.
Seiltänzer! Was ist? Was ist mit dir? Gestorben? Gelandet?
Ach du liebster meiner Akrobaten, bist doch nicht ans Ziel gelangt.

Seiltänzer! Zu sicher war dein Weg, zu fest dein Glaube.
Erschüttert hat dich die schmale Wirklichkeit, jene feste, unnahbare Wirklichkeit,
die zwischen Tod und Leben, Hass und Liebe steht,
die einzig noch hoch droben schwingt, wenn unten schon die Hölle brennt.

Seiltänzer! Einmal gestolpert, für immer gestorben, vergessen.
Gewagt hast du’s, den Schritt zu viel, verleugnet all dein sein,
gerettet hast du nichts – gewagt alles, verloren alles.
Seiltänzer! Zu spät – eine Wahl gab es nie.