Montag, 1. Juni 2015

Der Ruhekaffee




Die kleine Eva hat sich schon immer gewundert, weshalb so viele Menschen nicht nur mit Einkaufsbeuteln durch die Stadt laufen, sondern auch Gefäße tragen, in denen Kaffee transportiert werden kann. Ihre Mutter versuchte, es ihr zu erklären, aber die kleine Eva konnte es nicht so recht verstehen. Die Mutter erklärte ihrer Tochter, dass viele Menschen einen sogenannten „Kaffee zum Mitnehmen“ bräuchten, weil sie keine Zeit hätten, um sich eine Kaffeepause zu gönnen. Es sei eben praktisch, schnell zwischen den Terminen einen Kaffee zu kaufen und unterwegs zu trinken. Die kleine Eva war verdutzt und fragte ihre Mutter, wieso es denn nicht möglich sei, sich einfach nur für eine kurze Zeit zu setzen und einen Kaffee in aller Ruhe zu trinken. Sie fügte hinzu, dass es doch außerdem viel sicherer sei, sich in ein Café zu setzen und dort etwas zu trinken. Eva konnte nämlich schon viele Menschen beobachten, wie diese versucht haben, einen Kaffee im Stehen oder gar im Laufen zu trinken. Fast jedes Mal sah sie, wie einige dieser Menschen den Kaffee verschüttet haben. Manchmal fielen sogar einige Tropfen auf die weißen Hemden. Sie verstand daher gar nicht die Meinung ihrer Mutter. Eva empfand einen „Kaffee zum Mitnehmen“ als äußerste Verschwendung, denn schließlich verschüttete man auf diese Weise sehr viel Kaffee. Für sie schien es daher sicherer zu sein, sich in ein Café zu setzen und dort in aller Ruhe zu trinken.
            Wenige Tage später holte die Mutter Eva aus der Grundschule ab. Es war schon spät und beide mussten sich beeilen. Eva konnte mit ihren kleinen Beinen gar nicht so schnell laufen wie die Mutter. Diese hingegen legte große Schritte zurück. Von der Hektik sichtlich gezeichnet, feuerte sie die kleine Eva an, schnell weiterzulaufen, denn ihr sitze der nächste Termin im Nacken. Eva versuchte mitzuhalten, doch ihr gelang es nicht. Die Mutter schaute unterdessen immer wieder auf ihre Uhr und wurde mehr und mehr ungeduldiger. „Komm schon!“, rief sie Eva zu, „wir müssen dich schnell nach Hause bringen.“ Nach weiteren Blicken auf die Uhr musste sich die Mutter eingestehen, dass sie ihren Termin nicht mehr rechtzeitig wahrnehmen konnte. Sie wurde langsamer. „Was ist?“, fragte Eva ihre Mutter, die jedoch nur schweigend weiterlief. „Mama“, sagte Eva und griff nach der Hand ihrer Mutter, „ich möchte jetzt gerne einen Kaffee mit dir trinken gehen.“ Verdutzt sah die Mutter auf Eva herab. Sie wusste nicht, was sie darauf antworten sollte, außer: „Du bist noch viel zu jung für Kaffee.“ Eva verstand das und erklärte ihrer Mutter, dass sie selbst gar keinen Kaffee trinken wolle, sondern mit ihrer Mutter ein Café besuchen möchte. Eva bestand jedoch darauf, dass ihre Mutter einen Kaffee trinken solle. Diese ließ sich nur schwer überzeugen, denn immerhin hatte sie bereits einen Termin verpasst. Schließlich gab sie dem Gedränge ihrer Tochter nach und sie setzten sich in ein nahegelegenes Café. Nach einem kurzen Blick auf die Bestellkarte, bestellte die Mutter einen normalen Kaffee für sich und eine Limonade für Eva. Als der Kaffee serviert wurde, wollte die Mutter sofort davon trinken, aber Eva verbot es ihr. „Nein!“, sagte sie, „du musst noch warten, damit er kühler wird.“ Ungeduldig sah die Mutter auf die Uhr. Abwechselnd blickte sie den Kaffee und Eva an, die dabei war, ihre Limonade ganz gemächlich auszutrinken. Jedes Mal, wenn die Mutter den Versuch unternehmen wollte, zum Kaffee zu greifen, verdeutlichte ihr die kleine Eva, dass sie es noch nicht durfte. Nach mehreren Versuchen gab die Mutter schließlich auf. Sie schien sich nun gar nicht weiter für den Kaffee zu interessieren. Auf einmal fragte Eva ihre Mutter: „Du, Mama, warum willst du den Kaffee nicht trinken?“ Verwundert sah die Mutter zu Eva hinüber und sprach mit gelassener und ruhiger Stimme: „Ja, du hast es mir ja immer verboten, Liebes.“ Eva lachte ihre Mutter an und sagte: „Jetzt darfst du ihn trinken.“


„Kinder müssen mit Erwachsenen sehr viel Nachsicht haben.“
Antoine de Saint-Exupéry (1900-44)