Montag, 15. Dezember 2014

Traktat zur Machtnahme durch aufwandsreduzierte Körperaussteuerung und Auflösung innerer Widerstände






Durch die ständige Wirkung der Schwerkraft auf den Organismus besteht ein kontinuierlicher Fall, der nur vom Boden aufgefangen wird. Wäre kein Boden, würde der menschliche Körper unentwegt nach unten fallen.

Diese nach unten wirkende Energie besteht im Sinne eines Naturgesetzes immer. Jede Bewegung und jede Haltung ist damit in letzter Konsequenz eine nach unten gerichtete Energie.

Körperaussteuerung meint unter Berücksichtigung dieser Grundannahme die zweckgerichtete Justierung sämtlicher an Bewegungen und Haltungen beteiligter Körperteile. Von außen kaum einsehbar sind innere Bewegungen als Mikrobewegungen zu verstehen, die durch Entspannung initiiert werden – also aufwandslos und verschleißarm sind. Ihnen stehen typische und sozial vermittelte Anspannungen gegenüber, die Verschleiß fördern und Macht nehmen.

Entspannung ist die Grundlage effektiver Bewegungsaussteuerung. Sie ist ein Auflösungsprozess zur Reduzierung von Reibungsflächen und Druckmomenten im Körper. Druck im Sinne der Formveränderungsarbeit entsteht durch Widerstand. Innere Widerstände sind alle Bewegungsmuster oder Haltungen, die durch Spannung oder Druck generiert werden. Über die körperliche Ebene hinaus sind konditionierte Emotionen oder Gedanken innere Widerstände, deren Negativwirkungen sich auch auf körperlicher Ebene manifestieren. Die Schockstarre bei Angstzuständen ist ein nachvollziehbares Beispiel dafür, wie Gefühle den Körper beherrschen. Der Umkehrschluss muss also lauten: Wer seinen Körper beherrscht, beherrscht auch seine Gefühle – und auch seine Gedanken. Der Ansatz, von welchem aus gearbeitet wird, ist egal, doch sollte der Körperarbeit der Vorzug gegeben werden, ist doch gerade der Körper ein hervorragendes Instrument zur Steuerung und Überprüfung von Mustern, Gewohnheiten oder neuen Ansätzen.

Durch die Verbundenheit von Geist und Körper hemmen innere Widerstände nicht nur isolierte Lebensbereiche, sondern die gesamte menschliche Existenz, denn es gibt keine Trennung zwischen Geist und Körper. Das Paradigma „Körper-Haben“ ist, berücksichtigt man nochmals die Wirkungen affektiver oder kognitiver Prozesse auf den Körper oder umgekehrt, hinfällig und wird durch das Paradigma „Körper-Sein“ ersetzt. Der Mensch hat keinen Körper, er ist ein Körper. Darum sind alle spürbaren Elemente des Körpers zu erkennen, sind sie doch ein unmittelbarer Ausdruck menschlichen Seins.  

Innere Widerstände als existenzielle Blockaden führen zu verkrampften und angespannten Bewegungen, Haltungen, Glaubenssätzen, Ängsten etc., welche sie zugleich sind. Darum ist die Auflösung sämtlicher physischer und psychischer Widerstände die Basis effektiver Bewegung und produktiver Kreativität.

Die Auflösung der Widerstände, das Weichmachen von Druckmomenten oder das Nicht-Begreifen-Wollen geschieht an den Reibungsstellen der menschlichen Existenz, also an allen Punkten, die vom Intellekt erfasst werden und der Deutung oder Beschreibung – und damit letztlich der Trennung – dienen. Da sich Widerstände stets gegen etwas richten, darf der Blick weder am Widerstand, also z. B. der eigenen Angst, haften bleiben noch an dem Phänomen, gegen welches sich der Widerstand richtet, also z. B. konstruierte Wirklichkeitsmuster oder realexistierende Objekte oder Situationen. Würde ein Anhaften stattfinden, käme es niemals zur Auflösung von Widerständen, sondern lediglich zur Verwaltung dieser mithilfe konditionierter Verwaltungsoperatoren. Statt der puren Auflösung würden Umdeutungen, inhaltliche Variationen oder Ähnliches stattfinden, niemals jedoch eine Be-Frei-ung.

Bei der Bewegung ist es der Druck gegen den Boden, der als Widerstand auszumachen ist, ebenso die mühevolle Arbeit des Körpers gegen die Schwerkraft anzukämpfen. Während die Schwerkraft den Körper nach unten drück, drückt sich der Körper dagegen, um aufrecht zu bleiben. Dieser Druckmoment ist ein Widerstand, der verschleißend wirkt und nur durch absolute Hingabe gelöst werden kann. Feinsteuerbare Mikrobewegungen sowie direkte und bedingungslose Einwirkungen auf körperinnere Prozesse werden so möglich.

Beim Denken und Fühlen sind es konditionierte Wahrnehmungs- und Deutungsmuster. Durch sie gibt der Mensch seine Macht ab und wird von ihnen beherrscht. Der Weg der Machtnahme besteht darum in der Auflösung von Deutungskategorien und Handlungsmustern – auch die soziale Interaktion betreffend, denn Macht hat auch stets eine soziale Komponente. Macht als Verantwortung, Bewusstsein, Achtsamkeit oder Handlungsbevollmächtigung kann nur zur Geltung kommen, wenn eine Versteppung bestehender und fremdinduzierter Prozesse stattfindet. So ist die Macht der Ausdruck von Formgestaltung und Formsteuerung – der Mensch ist machtvoll, wenn er effektiv seine Realität begehen kann und dies in Freiheit tut. Macht ist also keine Kontrolle im Sinne des Hütens und Verwaltens, sondern im Sinne der Hingabe an das, was ist, ohne dass der Wunsch besteht, etwas ändern oder beeinflussen zu wollen.

All das, wovor man sich fürchtet, darauf bezieht man sich. Dies erzeugt Widerstand, Reibung, Druck. All das, was man glaubt, bekämpfen zu müssen, darauf bezieht man sich, erzeugt Widerstand, Reibung, Druck. Darum liegt die Essenz aller Machtansprüche in der Auflösung von Bezugs- bzw. Haltepunkten. Auch der Wunsch nach Freiheit ist eine Flucht vor der Unfreiheit und damit als Haltepunkt zu definieren, welcher als Widerstand fungiert und aufgelöst werden muss.

Bezugs- und Haltepunkte ergeben sich aus den machtlosen Aktionen, mit denen Menschen tagtäglich hantieren. Statt ihre Macht in Anspruch zu nehmen und selbstbestimmt zu leben, verwalten sie ihr Wissen und das der anderen. Verwaltungsoperatoren stehen dort, wo Freiheit und Macht einst standen. Typische Verwaltungsoperatoren sind das Denken in Ursache und Wirkung, in Vergangenheit und Zukunft oder in anderen Konstruktionen. Wenn das Angriffsziel die Wirklichkeit ist und die Absicht lautet, sich ihrer machtvoll zu bedienen bzw. sie zu steuern oder zu kontrollieren, darf es keine Verwaltung mehr geben, sondern nur noch pure Bewegung – eigengesteuerte Bewegung.

Verwaltung ist stets Abhängigkeit. Sie wird offenbar, wenn ein Zielzustand erreicht werden soll. Sofort werden Konditionen konstruiert, die (scheinbar) erfüllt werden müssen, um jenen Zielzustand zu erreichen. Dadurch begibt man sich in Abhängigkeit zu den Konditionen und verwaltet weiterhin eine Wirklichkeit, die konditioniert ist und nicht frei sein kann.

Ein Beispiel vermag hier Klarheit schaffen: So haben wir einen Menschen, der sich ein erfolgreiches Leben wünscht und als Bedingung dafür beruflichen Erfolg determiniert. „Erst wenn ich im Beruf Erfolg habe, bin ich ein erfolgreicher Mensch.“ Mit diesem Glaubenssatz kaut er nur das wieder, was Eltern, Lehrer, Politiker oder andere Instanzen vermittelt haben. Erfolg wird ihm wohl nie beschieden sein. Wer erfolgreich sein will, sollte dies bedingungslos sein. Nicht erst, wenn Faktor A, B oder C (scheinbar) erreicht wurden, sondern sofort – auf der Stelle, ohne Ausreden, Vorwände oder primitiven Begründungsversuchen, warum es denn doch nicht ginge.

Hierbei ist das kausale Denken als größtes Hindernis auszumachen, suggeriert es doch stets einen Bedingungszusammenhang aus Ursache und Wirkung. Jede beobachtbare Wirkung muss eine oder mehrere entsprechende Ursachen haben. Dieses Kausaldenken ist einzig dem Menschen gestattet, ist er doch das einzige Lebewesen, das die Kategorien der Zeit konstruiert. Keine Zeit – keine Kausalität! Keine Vergangenheit – keine Zukunft – nur gegenwärtiges Sein! Die Tendenz, Ursachen festzuschreiben, ist tief in uns hineingetrieben und erlaubt uns (scheinbare) Analysen. Bei genauerer Betrachtung der Wirkungsweisen des Geistes, wird jedoch sichtbar, dass es nie Ursache und Wirkung geben kann, sondern immer nur mentale Erzählungen, die nicht während, sondern nur nach der geschehenen Wirklichkeit verfasst werden. Wer die Wirklichkeit sehen will, muss das Wahrnehmungsfeld der Kausalität bzw. Ursachenzuschreibung verlassen.   

Dafür müssen Reiz-Reaktions-Mechanismen aufgelöst werden bzw. Reize als Wahrnehmungsimpulse und nicht als objektive Wirklichkeit verstanden werden. In der Regel taucht ein Reiz auf und der Mensch reagiert auf diesen durch Verarbeitungsmechanismen, die ihrerseits Gedanken und Gefühle beinhalten oder solche erzeugen. Verharrt mein bei Gedanken oder Gefühlen gelangt man nicht zur Wirklichkeit, sondern verweilt in seinem Netz aus Konditionierungen. Die Bezugnahme auf Empfindungen oder gedankliche Modelle kann darum niemals in das Hier und jetzt führen, sondern lediglich in die Verwaltungsposition, in der alles noch deutbar zu sein scheint. Um also eigene Aktionen zu erzeugen, müssen die Reiz-Reaktions-Muster entkoppelt werden, jede Reaktion ist als Konditionierung und damit als Widerstand zu begreifen.

Hierbei hat sich erwiesen, primär das kausale Denken der Illusion zu überführen. Dass die Vergangenheit die Gegenwart prägen würde, ist ein Irrglaube, resultiert er doch lediglich aus dem Intellekt, der der Wirklichkeit stets nachgesetzt ist und lediglich Wissen verwaltet, dieses aber nicht erwirkt. Somit erzeugt der Intellekt eine (scheinbar) sinnvolle (kausalbedingte) Narration – doch mehr nicht, nur eine Erzählung – nicht die Wirklichkeit.

Die Auflösung von Reiz-Reaktions-Mustern und damit einher die Auflösung innerer Widerstände führt synchron zur Auflösung der (scheinbar) widerständischen Umwelt. Die eigene Entspannung bedingt eine Entspannung des Gegenübers. Im Zweikampf ein nicht zu vernachlässigender Faktor, der praktisch zur Bewegungsunfähigkeit oder zur Aufgabe der Koordinationsfähigkeit des Gegenübers führen kann. Durch die eigene verschleißarme und drucklose Haltung bzw. Körperaussteuerung und die dadurch vorhandene Widerstandslosigkeit, ist man nicht greifbar, nicht kategorisierbar. Der Reiz „Angriff“ wird von der konditionierten Reaktion „Flucht“ oder „Verteidigung“ entkoppelt. Flucht oder Verteidigung sind dann keine bedingten Handlungsmöglichkeiten mehr, was zu eigener Aktionsvielfalt führt. Das bedeutet Kontrolle, also effektive Machtnahme! Im weiteren Sinne muss auch die Wirklichkeit ihren Widerstand aufgeben und letztlich vor der in Anspruch genommenen Macht kapitulieren. Die Auflösung der Struktur, egal welcher Form, bietet die Möglichkeit der Machtnahme ohne etwas dafür tun zu müssen, denn es gibt nichts mehr, das überwunden oder dem widerstanden werden müsste. Der Weg ist frei für Intuition, Spontanität und Spiel. Dadurch werden wiederum bedingungsgekoppelte Reaktionen minimiert.

Durch diesen radikal-reduktionistischen Ansatz werden jeder Glaubenssatz, jede Idee, jede Lehre, jedes Wissen hinfällig, denn all diese Dinge beruhen auf Konditionen und Konditionierungen. Auch das hier Geschriebene verliert seine Gültigkeit beim Lesen desselben. Um die eigene Verfügungsgewalt zu stärken, bedarf es keines Wissens und oder Deutungen von Sachverhalten, denn die Inhalte von Wissen und Deutung sind immer von Konditionierung betroffen. Sie sind antrainierte Reaktionen auf einen Reiz, wie das Bellen eines Hundes beim Klingeln an der Haustür.


Etablierte Wirklichkeiten zur Machtabgabe und selbstverursachten Ohnmacht:
1. Ich muss erst meine Ängste loslassen, dann kann ich leben.
-> Nein! Sofort leben!
2. Ich muss erst meine alten Muster überwinden, dann kann ich glücklich sein.
-> Nein! Sofort glücklich sein!
3. Erst müssen alle Kriegstreiber fort sein, dann kann Frieden herrschen.
-> Nein! Sofort Frieden!
4. Ich muss erst intensiv meditieren, ehe ich mehr Klarheit über eine Sache habe.
-> Nein! Sofort Klarheit!
Keine Ausreden oder Pseudo-Begründungen, warum etwas nicht ist wie es sein sollte. Wirklichkeit angehen, aufwandslos, verschleißarm, direkt durch Machtnahme statt –abgabe. Wem das „Nein“ zu radikal erscheint, kann es durch das Wort „Vielleicht“ ersetzen, um wenigstens überhaupt eine Relation scheinbar absoluter Wahrheiten zu bewirken und damit ein Stück der eigenen Macht zurückzubekommen.