Montag, 2. September 2013

Was nützt es noch?



Oder: Eine Hexe hat eine Hexe zu sein






















Was nützt es noch, wenn ich dir die Freiheit schenke?
Was nützt es noch, wenn ich dir deine Worte lasse?
Was nützt es noch, wenn ich dir etwas zeige und du es nicht sehen kannst?
Was nützt es noch, wenn ich von Unschuld spreche, du aber schon ein Urteil gefällt hast?

Was nützt es dir, Schubladen zu öffnen?
Was nützt es dir, Grenzen zu ziehen?
Was nützt es dir, zu richten?
Was nützt es dir, nur dir selbst zu glauben?

Du schweigst, rufst deine Schergen.

Angeklagt!
An hartes Holz gebunden, kaltes Elend – trostlos, hoffnungslos.
Gefesselt und geknebelt soll ich Unschuld zeigen – keine Aussicht; Ankläger und Richter sind eins.
Gestehen soll ich. Doch was tat ich? Gestehen soll ich, um mich zu erlösen – meine Zunge fehlt mir.
Abgeführt in die peinliche Befragung, doch nur Schweigen ist’s, das ich kann – düstere Zeiten.

Gefoltert!
Kleider vom Leibe gerissen, gepeitscht, geschlagen, gesteinigt – unendliche Qualen sollen mir die Wahrheit bringen.
Immer wieder Fragen, Fragen, Fragen – Schweigen wechselt mit grausamen Schmerzensrufen.
Blut gespuckt, Zähne herausgerissen, Fleisch entrissen, Fingernägel entfernt, Knochen gebrochen; bekennen soll ich meine Taten – Schweigen wechselt mit grausamen Schmerzensrufen, mit Todessehnsucht und letztem Aufbegehren.
Auf Streckbank gelegt, Gelenke gesprengt; Daumenschrauben angelegt, Bauchdecke geöffnet – mein Arm greift nach oben – ins Leere.

Für schuldig befunden!
Auf dem Hexenstuhl getestet, versagt, Beweisführung abgeschlossen – es ist vollbracht!
Die Zunge entfernt, die Glieder gebunden, den Körper gepeinigt, die Seele geschunden – zum Scheiterhaufen.
Ein letztes Mal die Richter: Bekennst du? – Schweigen umhüllt mich.
Holz wird gestapelt, Fackeln entzündet.

Verurteilt!
Vor die Kläger geworfen, nackt, kalt, einsam und in Schmerzen – SCHULDIG!
Vor die Masse geführt – SCHULDIG!
Letzter Segen, Gottes Gnade – Was nützt sie gegen Menschenhand?
SCHULDIG!

Hingerichtet!
An den Marderpfahl gebunden, nackt, kalt, einsam und in Schmerzen – SCHULDIG!
Mein letzter Aufschrei – ein Volksfest für die Heiligen.
Ein Unschuldiger wird getötet – SCHULDIG!
Flammen legen sich an, erhitzen meinen Körper, sprengen meine Haut, versenken meine Haare – unschuldig.
Ein letztes Mal ausatmen, ein letztes Mal einatmen – den Geruch meines eigenen angebrannten Fleisches. Eine einzige Träne vermag diesen Brand nicht zu löschen – ich neige mein Haupt, bin also schuldig.

Die Hexe hat eine Hexe zu sein.