Sonntag, 5. Mai 2013

Im Gefängnis



Als der Gefangene Nr. 11-29 in seiner Zelle aufwachte, war es schon kurz vor der Appellzeit. Nun musste er sich beeilen, um pünktlich im Gefängnishof zu erscheinen. Käme er zu spät, hätte dies eine Strafe zur Folge. Das nennt man Erziehung, und diese ist notwendig auf dem Weg der „Resozialisierung“. Der Gefangene Nr. 11-29 kam gerade pünktlich zur morgendlichen Begrüßung und konnte so gerade einer Strafe entgehen. „Rühren!“ schrie der Gefängniswärter und hob drohend seine Faust. „Ihr seid Dreck, ihr alle. Keiner von euch ist auch nur ansatzweise dazu in der Lage, sich einer guten Führung zu rühmen. Wegen der vermehrten Versuche, die Mauern und das Fundament dieses Gebäudes zu untergraben, werden ab sofort alle Insassen länger und härter arbeiten. Damit der Gerechtigkeit genüge getan wird, bekommt jeder hart arbeitende Häftling, der sich anstrengt, mehr Verpflegung und mehr Urlaub. Wegtreten!“ Die Gefangenen gingen in ihre Barracken zurück und bereiteten sich auf den Tag vor. Der Gefangene Nr. 11-29 wusch sich in seiner Zelle sein Gesicht und blickte in den Spiegel. Er sah nicht mehr als einen in sich versunkenen, gekrümmten Mann mit dunklen Haaren und vielen Falten. Seit Tagen stand ihm eine Frage ins Gesicht geschrieben, bisher traute er sich jedoch nicht, diese laut auszusprechen. Er fragte sein verzerrtes Spiegelbild daher ganz leise: „Was ist das nur für eine Welt?“ Das Spiegelbild gab keine Antwort, einen der Wärter konnte er nicht fragen und die Mitinsassen hätten ihn wohl nur ausgelacht, hätten er ihnen diese Frage gestellt. Er blieb also mit seiner Frage allein. Da stand er nun, einsam, von Kummer gezeichnet und nicht wissend wo er war, warum er dort war und welche Rolle er in dieser seltsamen Welt innehatte. Nur eines wusste er. Er wusste, dass mit diesem Gefängnis etwas nicht stimmen konnte. Diese Welt, die geprägt war von hohen Mauern, dreckigen Zellen, miserablen Mahlzeiten und zornigen Vorgesetzten, konnte einfach nicht alles gewesen sein. Moralprediger, Hetzer und frustrierte Gefangene waren die Weltenbürger, die er kannte, und doch spürte er, dass es weitaus mehr zu sehen gab, als man vordergründig hätte erkennen können. Noch einmal kamen ihm die Worte des Wärters in den Sinn. Dieser sprach von Versuchen, die Mauern und das Fundament zu untergraben. Nr. 11-29 konnte sich nicht vorstellen, wozu jemand Mauern oder Fundamente hätte untergraben sollen. Ihm war noch nicht einmal die Bedeutung der Mauern bewusst. Und dennoch spürte er in sich eine tiefe Sehnsucht danach Mauern einzureißen. Der Gefangene Nr. 11-29 trat seinen Gang zum Frühstück an. Der Tagesablauf im Gefängnis war streng geregelt. Es gab einen festen Arbeitsplan, an den sich alle halten mussten. Auch die Wärter mussten sich an ihre Pläne halten. Niemand durfte aus der Reihe tanzen. Dieses Gefängnis war wahrlich ein Ort der Ödnis, der Einfalt und des leblosen Lebens. Das gesamte Gefängnis funktionierte wie eine Maschine, zum Denken blieb da wenig Zeit. Der Gefangene Nr. 11-29 ging nach dem Frühstück in den Hof, er ging zu den streng bewachten Mauern. Als er die kalten Steine erblickte, überkam ihn ein leichter Anflug aus Neugier und Angst. Die Wachen musterten ihn aufmerksam. Einer schrie schon weitem: „Nicht weiter!“ Nr. 11-29 blieb stehen und sah die Mauer aus der Ferne an. Er wusste, dass dies nicht alles war, er spürte die Freiheit hinter den Mauern, auch wenn er sich des Wortes „Freiheit“ ganz und gar nicht bewusst war. Der Gedanke, dass hinter der Mauer auch jemand stehen könnte, der genau wie er die Mauer erblickt, nur eben von der anderen Seite, trieb Freude in sein vereinsamtes Gesicht. Wie groß ist wohl der Platz hinter der Mauer? Diese Frage stellte er so laut, dass alle Wärter und Insassen auf dem Hof auf ihn aufmerksam worden. Er ging auf die Mauer zu, wollte sie berühren, ihre Enge begreifen und ihre Weite spüren, doch die Wachen legten ihre Waffen an und drohten Nr. 11-29, nicht näher heranzutreten. Nr. 11-29 sah die Mauer vor sich, ihm entsprang ein Lächeln mitten in dieser ernsten Lage. Nun verstand er, weshalb das Untergraben von Mauern und Fundamenten verboten war und strengstens bestraft wurde. Den Warnungen zum Trotz ging er immer weiter auf die Mauer zu.