Sonntag, 28. April 2013

Deadman walking







Kai Schultze  / pixelio.de  




Friedhofskälte auf dem Feld,
Frost liegt in der Luft,
jämmerliches Klagen in den Gassen,
Gondeln tragen das Weh hinaus.

Krähen rufen, Eichen schweigen,
die Runen sind geworfen,
der Stab gebrochen,
ein Gong ertönt, ruft die Toten hervor.

Ruhelos wandeln sie,
kriechen aus den Gräbern,
Kinder, Frauen und auch Männer,
sie beleben die Stille, brechen das Schweigen.

Die Toten ziehen in die Stadt,
rufen tausend Namen,
schreien um tausend Seelen,
blicken gierig nach dem Fleisch.

Das Fleisch flieht, flüchtet in die Särge,
gräbt sich selbst in die Erde,
stoppt die Atmung,
lässt vom Leben los.

So nah sind nun die Toten,
die Lebenden sind begraben.
Lebend sind die Toten,
tot die Lebenden.


Dienstag, 9. April 2013

Lehren für den Kampf: Die Krankheit erkennen





  Templermeister  / pixelio.de





Miyamoto griff zu seinem Schwert. Er hielt es fest, konzentrierte sich auf den kalten Stahl und zählte seine Atmungen. Mit langsamen Schritten bewegte er sich vorwärts, dabei zählte er: eins, zwei, drei vier, eins, zwei, drei, vier, eins, zwei, drei vier …
Mit jedem Schritt und jedem Ausatmen sprach er in seinen Gedanken eine Zahl aus; durch die ständige Wiederholung geriet Miyamoto bald in einen tranceähnlichen Zustand, den er herbeiführen wollte, um sich zu beruhigen. Er nutzte diese einfache Methode immer in Momenten, in denen er eine besondere Unruhe spürte. Gerade spürte er diese Unruhe in sich und er konnte sie rasch bändigen. Eins, zwei, drei vier, eins, zwei, drei, vier …

Miyamoto befand sich auf dem Weg zu einem alten Schwertmeister. Er übte selbst schon seit seiner Kindheit den waffenlosen Kampf und den Kampf mit dem Schwert. Auf Schlachtfeldern konnte er stets sein Können unter Beweis stellen und in Turnieren konnte er sich erfolgreich gegen andere Kämpfer durchsetzen. Irgendwann nahm in ihm der Gedanke Gestalt an, besser als er selbst sein zu wollen – er wollte über sich hinauswachsen und seine Fähigkeiten perfektionieren. Hierfür suchte er bereits einige Schwertmeister und Meister anderer Disziplinen auf, um sich mit ihnen zu messen und von ihnen zu lernen. Bisher konnte er alle Meister schlagen. Nun begab er sich zu dem letzten großen Schwertmeister, der noch lebte. Miyamoto geriet seit einigen Tagen immer wieder in Unruhe, da er um den Ruf des Meisters wusste, aber er wusste auch, dass er sich nicht von einem Ruf abschrecken lassen durfte. Daher begann er immer mit dem Zählen seines Ausatmens, sobald Gedanken in ihm aufkamen, die Unruhe, ja vielleicht sogar Besorgnis, in ihm auslösten. Miyamoto erreichte auf diese Weise eine tiefe Entspannung und eine hohe Gelassenheit, die es ihm ermöglichten in Ruhe nachzudenken. Er dachte an all seine Trainingsjahre und seine herausragenden Siege zurück. Er dachte an seine Lehrmeister und an seinen Vater, der ihm die ersten Bewegungen der Kampflust beigebracht hatte. Sein Vater sagte ihm als Kind, dass es das oberste Ziel sein müsse, Besessenheit zu bekämpfen. Miyamotos Vater erklärte Besessenheit zur Krankheit und bezeichnete Miyamoto immer wenn er ihn sah als krank. Darüber war Miyamoto sehr verärgert, da er stets in bester Gesundheit war. Er erzählte seinem Vater von seinen Siegen, von seinen Erfahrungen und demonstrierte ihm sein Können. Er konnte seinen Vater jedoch nicht überzeugen. Die Begegnung mit dem letzten großen Schwertmeister sollte dies aber ändern. Mjyamoto wollte die letzten Geheimnisse der Kampfkunst erfahren und dieses Wissen zu seinem Vater tragen.

Am Haus des alten Meisters angelangt, richtete er seine Kleidung, klopfte sich den Staub von den Schuhen und griff nach dem Schwert. Noch einmal zählte er: eins, zwei, drei vier. Er ging in das Haus hinein und begegnete im Garten dem alten Meister, welcher gerade damit beschäftigt war, eine Blume einzupflanzen. Er grüßte den Meister, verbeugte sich und erzählte ihm von seinem Vorhaben, dass er gerne mit ihm kämpfen wolle und dass er lernen möchte. Der alte Meister erhob sich langsam, stellte sich Miyamoto gegenüber und lächelte ihn verständnisvoll an. Er sprach: „Warum willst du lernen?“ Mjyamoto antwortete: „Ich möchte gerne Meister meiner Kunst werden.“ Der Meister ging an Miyamoto vorbei und fragte: „Und du denkst, dass ich dich zu einem Meister machen könnte?“ Miyamoto überlegte einen Moment und sprach: „Nein, Meister werde ich wohl nur durch mich selbst, aber ich möchte dein Wissen erhalten. Bist du bereit mit mir zu kämpfen?“ Der Schwertmeister ging zu einem Waffenständer und nahm zwei Bambusschwerter heraus, eines warf er Miyamoto zu; dabei sprach er: „Nein, ich bin nicht bereit.“

Mjyamoto griff das hölzerne Schwert und ging auf den Meister zu, der inzwischen auf der Übungsmatte stand und auf den eifrigen Miyamoto wartete. Dieser hob sein Schwert zum Schlag und begann den Kampf ohne jede Vorwarnung. Er schlug sehr schnell zu, mal schlug er links, mal rechts, dann drehte er sich schnell und schlug von oben. Der Meister aber wich auf eine ganz sanfte Weise aus; ganz gleich, wo Miyamoto hinschlug, sein Schwert traf ins Leere. Der Meister nutzte sein eigenes Schwert lediglich zur Verteidigung, einen Angriff gegen Miyamoto führte er nicht durch. Nachdem die Auseinandersetzung immer intensiver wurde und Miyamotos Gesichtsausdruck verriet, dass er unbedingt gewinnen wolle, hob der Meister kurz sein Schwert und stellte es Miyamoto in den Weg. Dieser blieb wie vom Blitz erschlagen stehen, wankte etwas rückwärts und fiel nach hinten um. Der Meister warf das Schwert fort und ging in seinen Garten zurück. Miyamoto blieb entsetzt auf dem Boden zurück. Was war da nur geschehen? Hatte er nicht die ganze Zeit geführt? Wie konnte er sein Gleichgewicht nur so sehr verlieren, dass er mehrere Schritte nach hinten torkeln musste, um schließlich zu fallen?

Langsam erhob sich Miyamoto und ging dem Meister in den Garten nach. Dieser war wieder mit seinen Blumen beschäftigt, als der geschlagene Miyamoto zu ihm kam. Er bat den Alten: „Bitte bringt mir diese Technik bei. Ich bitte euch.“ Der Meister sah Miyamoto an und fragte: „Was für eine Technik? Hast du nicht gesehen, was geschah? Ich hob mein Schwert – das ist doch keine Technik.“, schmunzelnd wandte er sich wieder den Blumen zu. Miyamoto konnte das nicht glauben und entgegnete barsch: „Ich habe euch gebeten. Bitte bringt mir dieses Geheimnis bei. Ich konnte nichts erkennen. Es war wie Zauberei; wenn ich diese Technik beherrschen würde, so wäre ich unschlagbar.“ Der alte Meister sprach nun mit ernster Stimme: „Du willst unschlagbar werden? Dann besieg als erstes deine Krankheit.“ Dieser Satz durchschauderte den ganzen Leib des jungen Miyamoto. War das nicht genau das, was sein Vater von ihm forderte? Der Alte sprach weiter: „Ich habe keine Technik gebraucht, um dich zu besiegen. Du selbst hast dich besiegt, ich musste nur auf den rechten Augenblick warten.“ Da antwortete ihm Miyamoto: „Wie konnte ich mich selbst besiegen? Ich stand stets aufrecht und sicher, war im Gleichgewicht und habe meine Kräfte gezielt eingesetzt?“ Da schmunzelte der Meister wieder ein wenig und sprach: „Dein Geist ist krank, heile ihn und du brauchst keine Kräfte mehr einsetzen.“ Er schien Miyamotos Unverständnis zu spüren, daher ergänzte er: „Es gilt als Krankheit, vom Gedanken an den Sieg besessen zu sein. Es ist ebenfalls krankhaft, die eigene Kampfkunst einsetzen zu wollen. Es ist ebenso krank, alles einsetzen zu wollen, was man einst gelernt hat. Schon der Gedanke, anzugreifen, ist krank – erinnere dich: Du hast als erster von uns beiden geschlagen.“ Miyamoto wurde nun sehr nachdenklich. Die Worte des alten Meisters ergaben einen Sinn. Der Meister sprach weiter: „Nun versuch nicht, dich zu heilen.“ Miyamoto war jetzt gänzlich verwirrt. Ergaben die Worte des Meisters eben noch Sinn, so ist dieser Sinn grad verloren gegangen. Er verstand das Wort von der Krankheit, aber wieso sollte er sich nicht heilen? Der Schwertmeister sagte: „Es ist auch eine Krankheit, vom Gedanken besessen zu sein, sich von den Krankheiten befreien zu müssen. Man kann einen besessenen Geist nicht mit Besessenheit heilen. Dein Geist darf an gar nichts haften. Bereits zu Beginn des Kampfes warst du besessen von deinem Willen zum Sieg und von deinem Wunsch zu lernen. Jetzt bist du von der Idee besessen, deine Besessenheiten aufgeben zu wollen.“ Er ging auf Miyamoto zu, sah ihm tief in die Augen und sagte zu ihm: „Ordne den Geist ohne ihn zu ordnen. Ein Wunsch entsteht und hört wieder auf. Ein Anhaften entsteht und hört wieder auf. Sei geduldig mit dir selbst.“ Er klopfte dem jungen Mann auf die Schulter, verneigte sich und ging weiter in seinen Garten hinein. Miyamoto blieb vor dem Blumenbeet stehen und dachte über das Gesagte nach: „War es das, was mein Vater immer meinte, dass ich besessen sei? Wollte er mir über all die Jahre nur diese eine Botschaft vermitteln? Wieso tat er es immer nur durch Bildworte und nie so direkt wie dieser Meister?“ Er erblickte zwei Blumen; die eine war völlig ausgewachsen und die andere wurde gerade erst eingepflanzt und war noch im Wachstum. Da wurde dem jungen Schwertkämpfer bewusst, dass sein Vater gar nicht anders hätte handeln können, denn Miyamoto hätte es bis dahin gar nicht verstanden, was er ihm sagen wollte. Er war wie die Blume noch im Stadium des Wachsens. Das wusste sein Vater, daher förderte er ihn auf seine Weise. Nun war er an dem Punkt angelangt, an dem er begann sich zu entfalten, so wie die große Blume, deren Blütenkleid völlig aufgegangen war. Jetzt konnte er begreifen, was es mit der Krankheit des Geistes, der Besessenheit, auf sich hatte. Er kniete sich vor die Blumen, verbeugte sich vor ihnen, wie vor einem großen Lehrmeister, erhob sich und verließ das Haus des alten Meisters.

Sonntag, 7. April 2013

Herzverzehr









  berwis  / pixelio.de







Als ich einst ging im Abendrot

war mein Herz schon lange tot.
 
Es lag fern von mir im dunklen Hain,

zerfressen, beschmutzt und ohne Sein.



Am alten Eichenbaum ein Rabe sang:

„Dein Leben ist schon viel zu lang.

Bleib hier und ruh dich aus,

darfst bleiben bis zum Leichenschmaus.“



Zu Tische saß ich mit den Raben,

ich dankte für die vielen Gaben.

Einen letzten Bissen musst ich tun.

Mein altes Herz sollt‘ wieder in mir ruh’n.