Samstag, 2. Februar 2013

Warum wir unser Leben doch nicht ändern können



… und es trotzdem Spaß macht, zu leben.




 Bildquellenangabe: Jorma Bork  / pixelio.de
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      Ändere deine Gedanken, und dein Leben wird sich ändern.
-       Du bist der Gott deiner Welt.
-       Du brauchst nur positiv zu denken, und schon ziehst du Positives an.
-       Ändere deine Wahrnehmung.
-       Du kannst jeder Zeit Glück und Erfüllung finden, du brauchst dich bloß dafür zu entscheiden.
-       Befreie deinen Geist von schlechten Glaubenssätzen.

Solche und andere scheinbar Mut machenden Floskeln sind nicht nur in unzähligen Lebensratgebern zu lesen, sondern auch von einer Vielzahl an Menschen zu hören, die sich selbst als Coachs bezeichnen. Es scheint auf den ersten Blick ganz einfach: Schuld an deinen schlechten Umständen bist du selbst – und weil du selbst Schuld hast, kannst du es auch jederzeit ändern, denn einzig deine Taten und deine Gedanken lenken deine Geschicke. Das, was nach einem veralteten Lehrsatz der Religion klingt, ist heutzutage ein Symptom für ein Menschenbild, welches scheinbar nur noch aus den Ideen der Selbstentfaltung und Selbstverwirklichung besteht. Ändere deine Gedanken, und dein Leben wird sich ändern; du wirst Positives anziehen, wenn du positiv denkst; du kannst jeder Zeit glücklich sein, der einzige, der dich behindert, bist du selbst – Diese leeren Sätze sind allesamt oberflächliches Geschwätz und bei näherer Betrachtung eine akute Gefahr für Menschen mit einer labilen Persönlichkeit. Was wenn trotz allen positiven Gedankens das eigene Leben beschissen bleibt? Hat man dann nicht richtig gedacht? Oder hat man nicht positiv genug gedacht? Nein! Dann hat man unbewusst nicht an die eigene Kraft geglaubt und man hängt noch immer in negativen Gedankenmustern fest. Also ist man wieder selbst schuld und man muss es eben besser machen. So zumindest werden die scheinbaren Patentlösungen zur Krisenbewältigung teuer verkauft. Aber dass all das Gerede von Selbstentfaltung und Gedankenänderung ohne jede Grundlage dasteht, das wird gekonnt verschwiegen.

Das Problem der Monokausalität
In unserem Denken ist es üblich, dass wir bestimmten Ereignissen bloß eine einzige Ursache zuschreiben, und tausend andere gar nicht erkennen. Bei den obigen Beispielfloskeln wird dies sehr deutlich: Was ist die Ursache deiner schlimmen Umstände? Richtig! Deine falschen Gedanken. Punkt! Weiter wird nicht gedacht – und das ist gefährlich. Die besten Gedanken sind nutzlos, wenn die Umweltfaktoren nachteilig sind. Der Mensch und seine Gedanken sind keine isolierten Phänomene, sondern stehen immer im Austausch mit der Umwelt. Nur weil man ein paar positive Gedanken in sich trägt, heißt das noch lange nicht, dass sich das komplette Leben zum Positiven verändert. Man kann trainieren, die eigene Wahrnehmung zu verändern, und dadurch erhält man vielleicht neue bzw. andere Handlungsfreiräume, aber diese sind bei aller Liebe noch lange nicht ausreichend, um ein Leben völlig neu zu gestalten.

Dass wir bestimmten Ereignissen nur eine einzige Ursache zuschreiben, wird beispielsweise in einer Paarbeziehung offensichtlich: Ich verlasse meine Freundin, weil sie mich betrogen hat. Für viele hört hier das Denken auf. Aber man muss schon ein Stück weitergehen, um den Kern der Sache zu treffen. Als nächstes sollte ich mir darum die Frage stellen, warum meine Freundin mich betrogen hat. So bitter die Antwort ausfallen mag, so notwendig ist sie für das Gesamtbild. Vielleicht hat sie mich betrogen, weil sie einen anderen attraktiver fand als mich. Dann stellt sich die nächste Frage: Wieso findet sie andere Männer so sehr begehrenswert, dass sie sich auf einen Betrug einlässt? Anscheinend gab es da mal andere Zeiten, denn immerhin hat sie sich ja in der Vergangenheit für mich entschieden. Was hat sich seitdem verändert? Je weiter man fragt, desto weiter gelangt man in der Ursachenforschung zurück. Wenn man dies radikal verfolgt, landet man beim Urknall, und dann – konsequenterweise – noch vor diesem.

Ein anderes Beispiel ist unsere Berufswahl. Warum entscheide ich mich beispielsweise für den Lehrerberuf? Vielleicht weil meine Eltern beide Lehrer waren? Oder weil ich mit Kindern gut arbeiten kann? Womöglich ist es mein Traumberuf, von dem ich schon viele Jahre geträumt habe? Ist es die Aussicht auf den Beamtenstatus und die Ferien? Oder von allem etwas?
            Nehmen wir an, ich habe mich für den Lehrerberuf entschieden, weil ich gut mit Kindern arbeiten kann. Warum kann ich gut mit Kindern arbeiten? Weil ich schon früh auf meine jüngeren Geschwister aufpassen musste und ehrenamtlich in Kindergärten mitgearbeitet habe. Dadurch habe ich ein Bewusstsein für den Umgang mit Kindern erhalten. Aber ist das allein ausreichend, die Entscheidung für den Lehrerberuf zu begründen? Weitere Faktoren, die die Entscheidung beeinflusst haben könnten, können sein: Der Numerus Clausus anderer Studiengänge war zu hoch, so blieb mir nur ein Lehramtsstudium übrig. Alle meine Freunde haben sich für ein Lehramtsstudium entschlossen. Die Chance, auf einen Arbeitsplatz in meiner Heimat ist sehr hoch, und weil ich gern in meiner Heimat bleiben möchte, habe ich mich entschlossen, Lehrer zu werden. Wir können noch viele andere Faktoren aufzählen. Was wir sehen ist, dass ein Ereignis bzw. eine Entscheidung niemals nur auf eine einzige Ursache zurückgeht, sondern das Ergebnis unzähliger Umwelt- und Individuumsfaktoren ist. Diese ganzen Faktoren müssen alle zusammenwirken, sodass am Ende ein Ereignis steht.
            Nun ist es so, dass die ganze Welt in jedem Augenblick voller Ereignisse steckt. Es gibt also keinen Anfang und kein Ende – alles ist in Bewegung. Je achtsamer man ist, desto stärker bekommt man die Fülle an Ereignissen mit, die sich innerhalb eines einzigen Momentes abspielen. Bei größeren Entscheidungen, wie Partner- oder Berufswahl, können die jeweiligen Faktoren besonders gut herausgestellt werden. Selbst das banalste Ereignis, hat unzählige Ursachenzusammenhänge, die es auslösen, und dieses Ereignis ist selbst die Ursache weiterer Ereignisse. Was die Coaches und Lebensberater uns weismachen wollen, ist, dass wir uns als Menschen über diese Kausalitätskette stellen könnten – einzig durch unsere Gedanken. Aber konsequent befolgt, sind selbst unsere Gedanken durch Erfahrungen und Ereignisse vorherbestimmt, und damit Teil der Kausalkette, die den Weltzusammenhang regelt.

Ändere dich nicht, sondern bleib bei dir
Wie soll man nun mit solchen Aufforderungen, wie „Ändere deine Gedanken!“, umgehen? Kann man seine Gedanken auf Krampf ändern? Wenn ja: Sind es dann überhaupt noch eigene Gedanken, oder sind es dann eher fremde Gedanken, die wir gutheißen? Wichtig ist, sich darüber klar zu werden, dass diese ganzen Sprüche über die Kraft der eigenen Gedanken und Selbstverantwortung nichts bringen werden, eben weil wir konditioniert sind und immer einem bestimmten Schema folgen. Natürlich kann man sich hinsetzen und 30 x am Tag den Satz sagen: „Ich bin erfolgreich und mein Reichtum mehrt sich täglich.“, aber mehr als Enttäuschung oder Selbstverleugnung werden nicht folgen. Die Gedanken selbst sind Teil des großen Ganzen. Sie sind notwendig, aber sie haben keine absolute Funktion, wie uns glauben gemacht werden soll.

Das was ist, ist. Punkt! So einfach ist das. Das was ist, ist! Wir neigen dazu, uns eine schönere Zukunft auszumalen, oder unsere gegenwärtige Situation zu verändern: Ach, wäre ich doch jetzt reicher, und könnt ich doch ein Haus am Strand haben. NEIN! All das gibt es nicht. Was es gibt, ist dein Leben im Hier und im Jetzt. Es gibt kein anderes. Und dieses Gerede von „Ändere deine Gedanken“ bringt dich nicht in dem Sinne, weiter, wie du es vielleicht erwartest.
            Jeder Mensch ist eingebettet in seinen ganz individuellen Lebensweg. Auf diesem Weg macht er ganz eigene Erfahrungen, die durch bestimmte Erlebnisse entstehen. Jeder sammelt seine Erfahrungen und jeder ist ein Teil des Ganzen. Der Gedanke, falsch oder unvollkommen zu leben, entsteht durch den Vergleich mit Idealsituationen. Und  aus diesem Gedanken folgen der Gedanke und das Gefühl, anders leben zu müssen, und dass man so, wie man jetzt lebt, nicht so lebt, wie man eigentlich leben sollte. Es findet also eine Spaltung statt: Man differenziert zwischen einem Ideal und dem Zustand im Hier und Jetzt. Dadurch fühlt man sich fehl am Platze. Kann man aber fehl am Platz sein? Kann man sozusagen von seinem Lebensweg abkommen? Nein, denn man lebt, und solange man lebt, geht man seinen Lebensweg. Man mag ihn vielleicht nicht immer sehen, aber selbst dies gehört dann zum Lebensweg dazu und dieser Weg entsteht für uns beim Gehen, und Gehen tut man zwangsläufig. Dort wo man ist, ist man genau richtig. Das ist nicht wertend im Sinne von „gut“ gemeint, sondern in dem Sinne, dass einfach nichts anderes möglich ist – im Jetzt-Moment. Man ist da, wo man ist. Punkt! Alles andere ist ein Abschweifen in Vergangenheit oder Zukunft – und das nur auf der gedanklichen Ebene. Das bedeutet also auch, dass die ganzen Sätze und Coaching-Tipps, wie „Lege deine schlechten Glaubenssätze ab.“ rein gar nichts bewirken können, wenn diese nicht Teil deines Lebensweges sind. Wenn sie allerdings Teil deines Lebensweges sein sollten, dann werden sie auch entsprechenden Einfluss haben. Es muss bloß vor der Pauschalität solcher Aussagen gewarnt werden. Unsere Geschichte ist bereits geschrieben, und wir gehen sie täglich, stündlich, jede Minuten und jeden Moment. Wir sind Bühne und Schauspieler zugleich.

Du hast keine Freiheit, und das macht dich frei
Wir denken oft, wir hätten eine freie Wahl. Darum wird leider auch immer wieder dazu aufgerufen, dass man ja bloß die eigenen Gedanken ändern müsste, und schon hätte man ein besseres oder zumindest anderes Leben. Aber so einfach ist das nicht. Denn was auf den ersten Blick wie der freie Wille aussieht, ist auf den zweiten Blick bloß das Ego, das selbst lediglich eine Konditionierung endloser Gedankenströme darstellt. Wer denkt aber unsere Gedanken? Und wer oder was denkt uns selbst? Alle unsere Gedanken sind Erinnerung. Im gegenwärtigen Augenblick gibt es keine Gedanken, und es gibt auch nichts, das geändert werden müsste, denn man ist einfach nur „da“ – in Vollkommenheit.
            Die Illusion der Freiheit wird von der Erinnerung aufrechterhalten: Wir haben uns für diese Frau entschieden. Wir haben uns damals das Auto gekauft. Wir haben das Haus gemietet – und so weiter. Selbst wenn wir jetzt eine Entscheidung fällen: Die Gedanken über diese Entscheidung hatten wir vor der Entscheidung, und wir werden sie nach der Entscheidung haben – aber im Moment der Entscheidung gibt es keine Gedanken, sondern einfach nur Handeln.
            Das Problem liegt darin, dass wir glauben, das Gegenteil von Freiheit sei Zwang. Das liegt an unserem dualen Verständnis, aber Freiheit im spirituellen Sinne ist etwas Allumfassendes. Sie ist ein Geisteszustand. Und jeder, aber auch wirklich jeder Mensch, ist schon frei. Da gibt es nichts mehr, das zu tun wäre. Ist das nicht die wahre Freiheit? Losgelöst von Zwängen und Forderungen, irgendwas anders machen zu müssen, seine Gedanken umprogrammieren müssen? Wie frei ist ein Mensch, der von sich weiß, dass er gar nichts tun muss, sondern einfach leben kann – in der Fülle der Dinge? Selbst wenn jetzt manche Skeptiker sagen mögen: „Gut. Dann lege ich mich auf die faule Haut, denn ich habe ja eh keinen freien Willen und da nützt mein Handeln eh nix.“, dann ist das richtig. Wer sich wirklich dazu berufen fühlt, sich auf die faule Haut zu legen, der wird es tun, ob er das nun entscheiden wird oder nicht.

Die Geschichte des Ödipus zeigt eindringlich, wie es um Freiheit und Schicksal bestimmt ist. Ödipus erfährt von einem Orakel, dass er seine Eltern töten wird. Entsetzt darüber, verlässt er sein Elternhaus, weil er seine Eltern schützen will. Er entscheidet sich also scheinbar frei zu gehen. Unterwegs trifft er auf einen Mann, und Ödipus tötet ihn. Später erfährt Ödipus, dass er da seinen Vater getötet hat. Er lebte bei Zieheltern und lernte seine richtigen Eltern nie kennen. Er dachte also, einen fremden Mann unterwegs zu töten, tötete aber seinen leiblichen Vater. Das Verlassen seines Elternhauses hat nichts genützt – ganz im Gegenteil sogar: es war notwendig, damit sich das Schicksal erfüllen konnte – und Ödipus konnte seinem Schicksal nicht entkommen – seine Mutter stirbt ebenso.
Diese Geschichte steht symbolhaft für den Lauf der Dinge. Jeder Mensch folgt seiner Berufung – dem Schicksal – und nach dieser Berufung wird sich alles erfüllen – ob gut oder schlecht. Der Mensch lässt sich gewissermaßen leben, weil er Teil des Ganzen ist. Und in dieser Ganzheit gelangt er zur Freiheit, weil er weiß, dass er nichts tun kann und nichts tun muss – alles geschieht, wie es geschehen soll. Ist das nicht erleichternd? Ödipus wollte sein Schicksal ändern, und genau damit hat er es erfüllt. Wie oft denken wir, unser Schicksal ändern zu können, und haben es dadurch bereits erfüllt?