Mittwoch, 16. Januar 2013

Zauberlied wider die Todesfurcht



Ein siebentes kann ich sprechen,
wenn zitternd im Winde
ein sterbender Leib an morschem Holze hängt.
So ritze ich die Runen, färbe sie rot ein,
dass der Leib dem Winde trotzen kann
und vom Galgen steigen kann.




Wache Groa!
Halte Wacht!
Wache Groa, du Gute.
Halte Wacht, du Gute.
Schone diesen Leib,
halte ihn mit deiner Macht.

Ich rufe dich aus fernen Welten,
komm herbei und halte Wacht.
Schütze diesen Leib,
vergiss nicht deinen Sohn.
Wecke ihn noch vor des Todes Reich,
hüte seinen Atem.

Wache Groa!
Halte Wacht!
Wache Groa, du Gute.
Halte Wacht, du Gute.
Lass ihn auf deinem Hügel weilen,
bis er bei Kräften sein eigen Schicksal tragen kann.



Anmerkung: Groa ist eine weise Frau. Sie wird "die Grünende" genannt. Groa ist eine Heilerin.

Mittwoch, 9. Januar 2013

Hüter des Waldes



 Bildquellenangabe: Rosel Eckstein  / pixelio.de




Zwei Männer am Waldrand stehn,
beide verträumt ins Grüne sehn.
„In diesem Wald“, sagt der Ältere von beiden,
„wachen die Hüter – du siehst sie vom Weiten.“

Der Alte geht fort von diesem finstern Wald,
der Junge bleibt zurück, will sehen eine Hütergestalt.
Er geht hinein ins tiefe Grün,
sieht in der Ferne kleine Lichter glühn.

Der Junge  jagt den Lichtern nach,
achtet nicht auf das, was er zerbrach,
eilt weiter, springt über Bäche und Steine,
dann stürzen plötzlich seine Beine.

Die Jahre vergehen,
die Erinnerungen verwehen,
der Alte keinen Frieden findet,
ahnt, was ihn von damals bindet.

Er geht zurück zum finstern Wald,
verfolgt eine Nebelgestalt,
geht ihr nach zum heilgen Hain,
findet ein zerbrochenes Bein.
 
Er geht zu großen Steinen,
sein Herz schmerzt – er beginnt zu weinen.
Im eigenen Blut liegt der Junge erschlagen,
an seinem Leichnam fressen die Raben.

Der Alte flieht und findet zurück,
das ist sein großes Glück.
Doch was er gesehen,
wird er noch vielen erzählen.

Seine Geschichte, die ist wahr,
er erzählt sie Kindern, Eltern und Königen sogar.
Der Junge hat dem Wald ins Herz gestochen,
drum die Hüter sein Genick gebrochen.

Mittwoch, 2. Januar 2013

Wahn (oder) Sinn



 Bildquellenangabe: uschi dreiucker  / pixelio.de



Im Nebel stehst du,
verloren in deiner Welt
erloschen ist das Licht,
spürst du die Kälte?
Einsamkeit!

Gedanken, Worte, Taten.
Reichen sie? Reicht dein Herz?
Wie kannst du im Nebel andere erkennen?
Siehst doch nicht mal deine eigene Hand!
Heuchler!

Steht da im Nebel, verirrt –
Will andere führen, andere erkennen,
sie fassen, berühren, ja verführen,
doch stolpert er über Stock und Stein.
Verirrter!

Blind tastet er die Zweige,
taub trachtet er nach Lauten,
verzweifelt im Kampfe,
stürzt hernieder und bleibt liegen.
Toter!

Der Tote begräbt Tote,
er spottet die Lebenden,
ist erhaben, doch verloren,
wozu ist er in der Welt?
Verlassener!

Im Nebel, in Einsamkeit,
da ist man das Genie,
ein Erleuchteter, ein Retter,
doch eben nur in
Einsamkeit!

Dienstag, 1. Januar 2013

Der Dahingleitende




  

In hohen Lüften stolz, erhaben,
umflogen von zwei Raben,
sitzt auf ihm der Gott mit einem Auge,
so erzählt es der alte Glaube.

Acht Beine hat das Ross,
fliegt schnell wie ein Geschoss,
auch zu Wasser kann es geh’n,
und auf der Erde kann es steh’n.

Durch eine List geschaffen,
hin zu Odin gelassen,
ist es des Walvaters Tier,
und trägt den Namen „Sleipnir“.