Montag, 30. Dezember 2013

Ent-zück-ung


Mit Entzücken
          will ich die Welt verrücken,
alle Abgründe überbrücken, 
          um mich selbst auszudrücken.

Montag, 7. Oktober 2013

Wie ein Held starb



In strahl’nder Rüstung, grellem Lichte,
mit Flammenschwert und Eichenschild,
steht der Held siegreich unter’m Banner.
Kampfesspuren zeichnen seinen Körper,
doch in seinem Geist wohnt Tapferkeit.

Siegreich gekämpft, die Hunnen vertrieben,
siegreich gefochten, den Feind geschlagen.
„Ruh dich aus, großer Held. Lehn dich an,
trink Wasser und nimm dies Brot.“
Langsam nimmt der Held die Rüstung ab.

„Komm und setz dich, großer Ritter.
Bleib beim Feuer, dort ist’s warm.
Ich bring dir das Wasser und das Brot.“
Mit geschloss’nen Augen hört der Held.
Er hört den Himmelssang und den Göttertanz.

„Wie tapfer musst du sein, großer Mann.
Hier, das Wasser, trink schön viel.
Wahrhaftig, ritterlich dein Wesen ist – nun trink schon.“
Zögernd, bedrückt, unfreiwillig nahm der Held den Becher.
„Trink schon! Wirst seh’n: es wird dir gut tun.“

Ein einz’ger Schluck, ein tiefer Schrei.
Das Seelenfeuer ist entfacht, der Todeskampf ist nah.
„Was? Was? Was ist mit mir geschehen? Kann nicht aufstehen – bin gelähmt.“
„Oh großer Held, schone dich. Tapfer warst du, tapfer wirst du bleiben.
Leg dich in meinen Schoß, lass los und gib dich hin.“

Ein Aufschrei. Die Augen sind nun starr. Der Blick verängstigt, bleich und leer.
Der Held am Feuer liegt, in seinem Herzen Kälte ist – seine Rüstung abgelegt.
„Ach, großer Held, du Narr, wolltest mein Brot, mein Wasser.
Im Tausch dafür habe ich dein Leben. Aus Todeslust und Verlangen schenkte ich dir mein Gift.
Teufelskerl, hast mir vertraut, mir geglaubt.“

Einsam liegt der Held am Feuer, vergiftet durch Vertrauen,
getötet durch das Gift.
„Lasst liegen seinen Leichnam, soll’n andre ihn vergraben.
Mein Wunsch, der ist erfüllt. Ich konnte siegen, ohne kämpfen.
Konnte täuschen, ohne getäuscht zu werden. So ein Teufelskerl.“

Montag, 2. September 2013

Was nützt es noch?



Oder: Eine Hexe hat eine Hexe zu sein






















Was nützt es noch, wenn ich dir die Freiheit schenke?
Was nützt es noch, wenn ich dir deine Worte lasse?
Was nützt es noch, wenn ich dir etwas zeige und du es nicht sehen kannst?
Was nützt es noch, wenn ich von Unschuld spreche, du aber schon ein Urteil gefällt hast?

Was nützt es dir, Schubladen zu öffnen?
Was nützt es dir, Grenzen zu ziehen?
Was nützt es dir, zu richten?
Was nützt es dir, nur dir selbst zu glauben?

Du schweigst, rufst deine Schergen.

Angeklagt!
An hartes Holz gebunden, kaltes Elend – trostlos, hoffnungslos.
Gefesselt und geknebelt soll ich Unschuld zeigen – keine Aussicht; Ankläger und Richter sind eins.
Gestehen soll ich. Doch was tat ich? Gestehen soll ich, um mich zu erlösen – meine Zunge fehlt mir.
Abgeführt in die peinliche Befragung, doch nur Schweigen ist’s, das ich kann – düstere Zeiten.

Gefoltert!
Kleider vom Leibe gerissen, gepeitscht, geschlagen, gesteinigt – unendliche Qualen sollen mir die Wahrheit bringen.
Immer wieder Fragen, Fragen, Fragen – Schweigen wechselt mit grausamen Schmerzensrufen.
Blut gespuckt, Zähne herausgerissen, Fleisch entrissen, Fingernägel entfernt, Knochen gebrochen; bekennen soll ich meine Taten – Schweigen wechselt mit grausamen Schmerzensrufen, mit Todessehnsucht und letztem Aufbegehren.
Auf Streckbank gelegt, Gelenke gesprengt; Daumenschrauben angelegt, Bauchdecke geöffnet – mein Arm greift nach oben – ins Leere.

Für schuldig befunden!
Auf dem Hexenstuhl getestet, versagt, Beweisführung abgeschlossen – es ist vollbracht!
Die Zunge entfernt, die Glieder gebunden, den Körper gepeinigt, die Seele geschunden – zum Scheiterhaufen.
Ein letztes Mal die Richter: Bekennst du? – Schweigen umhüllt mich.
Holz wird gestapelt, Fackeln entzündet.

Verurteilt!
Vor die Kläger geworfen, nackt, kalt, einsam und in Schmerzen – SCHULDIG!
Vor die Masse geführt – SCHULDIG!
Letzter Segen, Gottes Gnade – Was nützt sie gegen Menschenhand?
SCHULDIG!

Hingerichtet!
An den Marderpfahl gebunden, nackt, kalt, einsam und in Schmerzen – SCHULDIG!
Mein letzter Aufschrei – ein Volksfest für die Heiligen.
Ein Unschuldiger wird getötet – SCHULDIG!
Flammen legen sich an, erhitzen meinen Körper, sprengen meine Haut, versenken meine Haare – unschuldig.
Ein letztes Mal ausatmen, ein letztes Mal einatmen – den Geruch meines eigenen angebrannten Fleisches. Eine einzige Träne vermag diesen Brand nicht zu löschen – ich neige mein Haupt, bin also schuldig.

Die Hexe hat eine Hexe zu sein.

Sonntag, 28. Juli 2013

Einer, der nicht einer sein wollte und trotzdem einer blieb








                                                   Lisa Spreckelmeyer  / pixelio.de





Einer stand am Wegesrand, doch einer wollte gehen.

Einer ging auf dem Weg, doch einer wollte stehen bleiben.



Einer umging eine Pfütze, doch einer wollte hindurch waten. 
 
Einer sprang in eine Pfütze, doch einer wollte nicht nass werden.



Einer war einsam, doch einer wollte Gemeinschaft.

Einer hatte viele Freunde, doch einer wollte Einsamkeit.



Einer lebte in der Stadt, doch einer wollte in die Natur.

Einer lebte in der Natur, doch einer wollte in die Stadt.

 

Einer war einer, doch einer wollte keiner.

Einer war keiner, doch einer wollte einer.