Montag, 12. November 2012

Lehren für den Kampf: Rückzug des Geistes




Bildquellenangabe: Templermeister  / pixelio.de




Ein japanischer Schwertmeister erzählt seinem Schüler eine Geschichte über das Zurückziehen des Geistes, ein wichtiges Prinzip in der Schwertkunst und in der Kunst, zu leben.

Im alten Japan des feudalen Zeitalters trafen ein ehrenhafter Samurai und ein Ronin aufeinander. Sie begegneten sich nicht in einer offenen Schlacht, sondern vor einem einfachen Dorf. Der ehrenhafte Samurai wollte den Ort betreten um seinen Herrn aufzusuchen. Der Ronin verließ das Dorf, weil er von den Menschen wegwollte. An einer Weggabelung trafen nun beide aufeinander. Der eine in edler Rüstung gekleidet und mit einem glänzendem Schwert bewaffnet, der andere mit einer nur mittelmäßigen Ausrüstung. Sie trugen ihre Schwerter, ihre heiligen Seelen, so, dass sie sie schnell zücken konnten. Iaido ist die Kunst, das Schwert so zu ziehen, dass es noch während des Ziehens als Waffe genutzt werden kann. Beide Männer sahen sich in die Augen. Ganz gleich, ob es keinen Anlass für eine Kampfhandlung gab, beide spürten, dass diesen Weg nur einer weitergehen konnte. Sie zogen also ihre Schwerter, ihre nackten Seelen, sie versuchten den ersten Schlag, doch sie waren sich ebenbürtig. Samurai und Ronin ließen ihre Klingen aufeinander treffen. Sie kannten sich nicht.

Es entwickelte sich ein zügelloser Kampf, voller Energie. Beide kämpften entschlossen, das eigene Leben zu schützen, die eigene Ehre zu behalten und den Gegenüber tödlich zu verwunden. Beide hielten stand, beide standen fest, Staub wirbelte auf, Schweiß lief unter dem Helm hervor. Die Rüstungen prallten aneinander, der Ton der Schwerter wurde immer lauter und schon bald war die Wegkreuzung ein Ort des Todeskampfes. Die beiden sahen sich nicht in die Augen, sie ließen ihre Klinge sehen und sprechen. Plötzlich geschah es, dass der Samurai den Ronin in einem Augenblick der Schwäche treffen konnte. Seine Seele drang in den Körper des Herrenlosen ein. „Ich habe ihn getroffen“, dachte er noch und bereits in diesem Moment stieß der Ronin seine Seele in das Herz des ehrenhaften Samurai. Dieser hauchte langsam seinen Odem aus, fiel zu Boden und es bildete sich eine Blutlache um seinen nun leblosen Körper.

Ich erzähle diese Geschichte nicht, um den Zweikampf zu loben oder um den Kodex der alten Samurai zu bejubeln. Nein, ein Kampf ist immer schlimm, aber wenn gekämpft wird, dann muss mit Herz und Seele gekämpft werden. Der Verstand ist der schlimmste Gegner, den es zu besiegen gilt. Der Samurai hat seinen Geist nicht rechtzeitig zurückgezogen, deshalb musste er sterben. „Ich habe ihn getroffen“ – sein Geist ist bei diesem Gedanken steckengeblieben. Sein Geist hat sich nicht vom Augenblick des Treffens zurückgezogen. Er war abwesend, verfangen in seinem Denken, das hat es dem Ronin erlaubt, einen tödlichen Treffer zu landen. Durch das Verhaftet-Sein hat der Samurai seinen ersten Treffer, seinen Erfolg, zunichte gemacht. Er konnte nicht anders, als verlieren.

Drum ziehe deinen Geist stets zurück! Diese Lektion musst du lernen, möchtest du kämpfen, ja möchtest du leben, lernen. Wenn du getroffen hast, lass deinen Geist nicht in diesem Moment verharren. Ziehe deinen Geist sofort zurück, beobachte und sieh genau hin, wie es um deinen Gegner bestimmt ist. Er muss sich verändern, wenn er getroffen wurde. Er wird denken: „Was ist gerade passiert? Ich bin getroffen worden!“ Er wird wütend, vielleicht ängstlich, aber er wird sich verändern müssen. Ist er wütend, so folgt Entschlossenheit. Wenn du in diesem Augenblick nachlässt, wird dich dein Gegner treffen.

Hast du deinen Gegner getroffen, so wird dieser hellwach werden. Er wird all seinen Mut bündeln und entschlossen gegen dich kämpfen. Wenn du mit dem gleichen Geist wie zuvor zuschlägst, wirst du ihn verfehlen, er aber dich nicht. Darum reiße deinen Geist sofort zu dir zurück. Triff und zieh dich zurück! Lass deinen Geist nicht verweilen! Hast du das vollkommene Bewusstsein erlangt, so ziehst du deinen Geist nicht zurück, sondern schlägst auf den Punkt, den du bereits getroffen hast, du wirst ein zweites und ein drittes Mal treffen, ohne Unterbrechung. Dein Gegner wird nicht wissen, was geschieht. Das meinen die alten Meister, wenn sie sagen: „Ohne genug Zeit, auch nur eine Haarsträhne dazwischen zu lassen.“ Es bedeutet ununterbrochen zuzuschlagen, ohne ein Haar zwischen den ersten und den zweiten Schlag zu lassen.

Im Zen spricht man von der Dharma-Schlacht. Damit meint man die Fragen, die ohne „das Intervall einer Haarsträhne“ beantwortet werden – ohne Zögern. Dehnt man dieses Intervall aus, wird man verlieren. Der Weg ist die Schnelligkeit des Schwertes, pausenlos zu schlagen und zu treffen. Bleibt der Geist verhaftet, wird das Intervall getreckt und du wirst unterliegen.

So ist es auch im Leben. Wer in einem Augenblick verhaftet ist, der wird die nächsten Augenblicke nicht wahrnehmen können und muss zwangsläufig unterliegen, ganz gleich in welcher Angelegenheit. Achte daher stets auf deinen Geist. Achte darauf, wo er ist und zieh ihn immer rechtzeitig zurück, damit du eine Gelegenheit hast, auf Veränderungen zu reagieren. Das ist eine wichtige Lehre innerhalb der Schwertkunst, nutze sie mit und ohne Schwert.


Samstag, 3. November 2012

Eine Gartenode

Feierlich bereitest du mir deine Flur,
in grünem Gewand und purpurnem Pallium
singst du mir deinen Lobpreis, schenkt mir deinen Wein ein

und brichst das Brot des Lebens an deinen Gräsern, Blumen und Bäumen.

Wie herrlich schaust du zu mir herab, zu mir in die Höhe.
Allgegenwärtig ist dein Anblick, dein Duft – dein Liebreiz.
Verzaubert hast du mich, gefangen in deinem Bann.
Trunken voll Glück und genährt von deinen Brüsten,
taumle ich durch dichte Wälder, große Wiesen und steinerne Pfade
- dich suchend, dich findend, dich haltend, dich verlassend – mich erkennend.

In deiner Einheit erkenne ich die Vielfalt,
deine Vielfalt bringt mir die Einheit.
Deine zarte Hand führt mich ins weite Feld hinaus,
berührt mein Herz und schenkt mir deinen Frieden.

Wahrlich unendlich ist deine Weisheit,
die zu hören nur jene vermögen, die der Stille nicht entreißen wollen,
die in dir nach sich selbst auf der Suche sind, sich fallen lassen
und deinen Weisungen Folge leisten.

Dankbar fall ich auf die Knie, berühre dich,
oh geliebter Heimatboden, berühre dich mit meinen Händen,
will dich spüren, in dir leben, aufgehen und vollenden.
Wie wunderbar ist es doch, ein Teil von dir zu sein.