Montag, 29. Oktober 2012

Rat der Toten



„Dem deutschen Volke“ steht geschrieben,
in großen Tönen leere Politik betrieben.
„Alle Macht geht vom Volke aus“,
die Politik lädt zum Leichenschmaus.

Es tummeln sich die Toten,
sie wollen nach ganz oben.
Sie kämpfen und lügen mit großer List,
den Volkswillen man schnell vergisst.

Politik muss demokratisch sein – ganz klar.
Vor allem nach dem, was bis `45 war.
Doch die Toten kippen die Idee,
machen aus Tugend Ideologie.

Sie beraten und treten zusammen,
wollen den freien Willen verbannen.
Sie kämpfen mit Demokratie
gegen Lebende, die anders sind als sie.

Ihr Ratsschluss, der heißt Macht,
wer nicht folgt, wird abgeschlacht‘.
Drum nennt sich heut die Diktatur
„Demokratie“ -  nur ohne „Dikta“ und ohne „tur“.

Freitag, 26. Oktober 2012

Kindermund tut Wahrheit kund




Bildquellenangabe: Viktor Schwabenland  / pixelio.de


In einem Park, einem scheiß gewöhnlichem Park, schnappte sich ein Vater seinen kleinen Jungen – der war ungefähr 9, vielleicht auch schon 10, ich weiß es nicht. Ich meine den Sohn, nicht den Vater. Der Vater war, hm, ungefähr 40, womöglich schon drüber. Auf jeden Fall hatte der Vater diese typischen Falten in seiner Fresse. Nicht die gewöhnlichen Falten, die durchs Alter kommen, bei Gott, ganz sicher auch nicht die Falten, die durch Weisheit kommen – nein, es waren andere Falten, tiefe und dunkle. Und diese Falten waren so groß in das Gesicht des Mannes geschlagen, dass es so wirkte, als würden an manchen Stellen seiner Einhaue ein paar Puzzlestücke fehlen, die das Bild seiner Menschlichkeit unvollständig wirken ließen. Da stand nun dieser Vater, dieser durch und durch leere Körper, und nahm seinen Sohn an die Hand. Gemeinsam gingen sie durch den Park. Sie umgingen Scheißhaufen, wichen auf Beete aus, der Vater zertrat ein paar dieser winzigen blauen Blumen, die nichtssagend am Wegrand standen und der Junge sprang vor den Füßen des Vaters in eine Pfütze – ihm gelang es dabei, die glänzenden Louis Vuitton-Lederschuhe des Vaters mit Schmutzwasser zu beträufeln, was dem Alten ganz und gar nicht bekam. Der Vater regte sich tierisch auf, glotzte seinen Sohn groß an, verlor aber kein Wort. Vermutlich war er so geschockt, wie es sonst nur bei richtig schlimmen Autounfällen der Fall gewesen wäre. Egal! Sie gingen wortlos weiter. Der Vater hielt den Sohn an der Hand und achtete darauf, dass er in keine Pfützen mehr sprang. Nach einer kurze Zeit – ich weiß nicht, vielleicht fünf Minuten, oder zehn, keine Ahnung, entdeckte der Junge einen Penner – einen von der Sorte Assi-Penner, so ein richtiger Sozialversager: zerrissene Klamotten, Pickel in der Fresse, Gestank in den Achseln, Müdigkeit in den Augen, Alkohol im Blut und auf dem Kopf ein Kranz zerzauster und fettiger Haare. Dieser Assi-Typ lag auf einer dieser schmutzigen Parkbänke, auf denen immer, egal wo man sich auf der Welt befindet, Vogelscheiße festgeklebt ist. Da lag also der Penner auf seiner Bank und der Junge wurde neugierig. Er zeigte mit seinen kleinen sauberen Fingern auf die Witzfigur mit den fettigen Haaren und fragte seinen Alten: „Papa, warum liegt der Mann da auf der Bank?“. Und ich sage euch: Jeder, der ein bisschen Menschenkenntnis hat, weiß, was so ein Typ von Vater auf so eine Frage antwortet. Ich fasse seine Antwort mal kurz zusammen: Weil der Idiot zu blöd zum Arbeiten ist. So oder so ähnlich wendete sich der Vater seinem Sohn zu. Der Alte unternahm sämtliche Bemühungen, den Penner als Sinnbild des Urbösen hinzustellen. Der Sohn hatte kaum eine Chance, gedanklich zu verschnaufen, so sehr begann der Vater in seinem Hugo-Boss-Anzug zu schimpfen und zu wettern. „Wegen solchen Leuten ist unser Land arm. Die liegen nur auf der faulen Haut, arbeiten nicht und lassen sich von den Fleißigen aushalten. Wenn du wissen willst, was mit dir passiert, wenn deine Schulnoten schlecht sind, dann sieh darüber – solche wie der Penner hatten früher alle schlechte Noten in der Schule. Wenn du dich aber anstrengst, dann kannst du es schaffen, es richtig zu was bringen – dann brauchst du dich nicht im Park rumtreiben und dich mit einer Zeitung zudecken.“
Ich glaube, Söhne mit so einem Vater werden später Amok laufen oder sich selbst umbringen – vielleicht auch beides. Fakt ist, dass sich der Junge die Worte seines Vaters genau eingeprägt hat, er wiederholte sie sogar vor dem Vater – fast so als wären es Vokabeln zum Auswendiglernen: „Wenn ich jetzt ganz fleißig bin, kann ich später viel Geld verdienen und kann mir alles leisten was ich will.“
Inzwischen ist der Penner auf der Bank erwacht und starrte die beiden ungläubig an. Ist ja auch klar, dass ein Penner aufhorcht, wenn über ihn gesprochen wird. Vielleicht dachte der Vater, dass der Assi so viel Dreck im Gehörgang hatte, dass er schwerhörig war. Auf jeden Fall schien er nicht damit gerechnet zu haben, dass der Penner das ganze Gespräch mithörte – tja, aber er tat es, und sein Gesicht, so schmutzig es auch war, sprach tausend Bände. Der Vater wandte sich sogleich um und ging mit seinem Sohn weiter – ohne dem Penner noch Beachtung zu schenken.

Als die beiden am anderen Ende des Parks waren, entdeckte der kleine Junge wieder einen Penner. Man hätte ihn kaum von dem ersten Penner unterscheiden können. Sie sahen sich sehr ähnlich in ihren Lumpen und Zeitungskleidern. Von weitem sah er genauso heruntergekommen wie der erste aus, genauso miefend und triefend. Naja, einen Unterschied gab es schon, sonst würde ich ihn hier nicht erwähnen: Dieser Penner saß aufrecht – und ich meine damit nicht einfach nur das normale Sitzen auf einer Bank, sondern ich meine vor allem so eine innere Aufrichtigkeit, die man sonst nur selten sieht. Dieser Penner hatte eine besondere Aura – in all seinen Lumpen trug er seine Würde. Dem Vater fiel er nicht besonders auf: ein Penner wie jeder andere, ein arbeitsloser, fauler Hund. Aber der Sohn – vermutlich weil sein kindlicher Geist noch nicht ganz vergiftet wurde – bemerkte die Andersartigkeit des Penners und ging auf ihn zu. Sein Glück war es, dass irgendein schmieriger Typ im Anzug auf den Vater zukam. Er und der Vater begrüßten sich und begannen eine Unterhaltung – so konnte der Junge in aller Ruhe zu dem Penner gehen und untersuchen, was so besonders an ihm war.
„Hey du!“, sagte der Junge. Aber der Penner wandte sich nicht um – er blickte unbeirrt auf den See hinaus, war völlig verzaubert von den Wolken und der Sonne, die sich im Wasser spiegelten und die Stille des Wassers zierten. „Warum sitzt du hier?“, fragte der Sohn den Penner – keine Antwort. „Warum bist du nicht arbeiten?“, fragte der Junge – keine Antwort. „Hey … ich rede mit dir. Warum bist du nicht auf Arbeit?“, fragte der Kleine erneut. Der Penner – immer noch auf den See blickend – erwiderte nichts, er gab nur ein leichtes Murren von sich – das war’s. Aber der Junge ließ nicht locker: „Papa sagt, dass wir solche wie dich aushalten müssen. Warum gehst du nicht arbeiten?“, fragte er nun schon zum zweiten Male. Der Penner, wohl neugierig geworden, wer ihm da so vorwurfsvoll gegenübertrat, wandte sich endlich um und verlor augenblicklich sein zufriedenes Gesicht. Er sah diesen rotzfrechen Bengel da stehen in seinen teuren Klamotten, die Papa bezahlt hat, und sah die kleine fiese Grimasse, die der Junge dem Penner entgegenschleuderte. Der Kleine sagte dann sowas Ähnliches wie: „Such dir nen job.“ Natürlich sagte er es nicht so, er hatte noch die Unschuld eines Kindes und darum fragte er einfach: „Gehst du denn nicht arbeiten?“
Der Penner, allmählich von der Fragerei des Kleinen angepisst, sagte nur kurz: „Was geht dich das an?“ Der Junge schien nichts von rhetorischen Fragen zu wissen, darum antwortete er ganz munter: „Na weil Papa dein Essen bezahlt.“ Herrlich, oder? In so einem jungen Alter solche bescheuerten Sätze raushauen – klasse!
Der Penner schien ähnlich zu denken wie ich, darum sagte er, dass er einen Job habe und nicht täglich arbeiten müsse. Ich weiß nicht, was in dem Jungen vorgegangen sein muss, aber ich glaube, dass sich tatsächlich Mitleid entwickelt hat. Er war nicht irgendwie gefrustet wegen des Penners. Ich denke, dass es ihm wirklich wehtat, so einen verwahrlosten Typen zu sehen. Darum sagte er auch zu dem Penner auf der Bank: „Weißt du, wenn du täglich arbeiten gehst, kannst du dir alles leisten, was du willst. Du brauchst nicht im Park leben, kannst schlafen so viel du willst, und essen, und Spaß haben, und …“ – der Penner unterbrach ihn: „Und was? Denkst du etwa, dass es mir schlecht geht?“ In seinem Acht-oder-vierzig-Tage-Bart machte sich ein breites Grinsen breit: „Junge, ich habe einen Schlafplatz, ich habe genug zu essen und ich tue, was mir Spaß macht. Was willst du von mir?“
Scheinbar muss sich dann der Sohn an die vielen Predigten seines Vaters erinnert haben, denn was dann folgte, war nicht etwa ein kindlich-neugieriges Fragen, sondern ein Belehren, wie es sonst nur von irgendwelchen aufgetakelten und neureichen Schnöseln zu hören ist, die ihre Geheimformel für Erfolg unbedingt weitertratschen müssen. Der Junge sagte: „Wenn du heute fleißig bist, kannst du morgen viel Geld haben. Wenn du die nächsten zehn Jahre fleißig bist, kannst du die übernächsten zehn Jahre ganz viel Geld haben, und wenn du dann am Ende bist, dann kannst du dich ausruhen, du kannst dann alles machen, was du willst.“ Hier sprang der Penner ein und fragte ganz schnippisch, was er denn alles machen könne. Und nachdem der Junge eine ganze Palette an teuren Dingen aufgelistet hat, die scheinbar Spaß machen sollen, rief der Penner lauthals aus: „Alles, was mir Spaß macht, ist die Natur zu bestaunen. Wieso soll ich solange arbeiten gehen, wenn ich doch jetzt schon alles habe, was ich haben will? Junge, in deinem Kopf will ich nicht stecken, da läuft so viel verkehrt.“
Tja, man könnte nun meinen, dass der Sohn etwas gerafft hätte von dem, was der Lumpenmann rausgehauen hat, aber irgendwie schien er auf der Leitung zu stehen und er fragte eifrig weiter: „Warum bist du heute nicht arbeiten?“. Der Penner – im Übrigen schon an der Grenze seiner Geduld – erwiderte, dass er ja gestern schon war und dass das ausreichen würde. Was genau er tat, wollte er nicht verraten - vielleicht war er Tagelöhner, keine Ahnung …
Der Junge sagte: „Stell dir doch mal vor, du hast ganz viel Geld – so wie Papa – dann kannst du ohne Sorgen leben, kannst auf den See gucken und dich hier ausruhen, du musst keine Angst mehr haben.“ Nun wollte der Penner den Bengel nicht dumm sterben lassen, darum nahm er sich die Zeit und erklärte Folgendes: „Nun sieh doch mal: Ich tue doch jetzt schon das, wovon du so eifrig erzählst. Ich sitze hier im Park, ich genieße den See und erfreue mich an dem, was ist.“ Er schüttelte mit seinem Kopf, schien wohl Mitleid für den Junge zu haben, denn das Kopfschütteln war kein gestrenges Hin- und Hergewedel, sondern glich mehr einem Ausdruck von Unfassbarkeit. Als der Junge sah, wie sich der Vater von dem anderen Mann verabschiedete, eilte er zu seinem Herrchen zurück und ließ den Penner am See allein.

Nach einer Weile des Schweigens sagte der Sohn zum Vater: „Du, Papa – ich verstehe das nicht. Wieso arbeitest du so hart für das, was die Penner jetzt schon haben?“ Es erinnerte mich an die Werbung von irgendeinem Finanzbetrieb, in der ein Junge oder ein Mädchen – kein Plan – in einer Horde von Zecken (Anmerkung: herabwürdigender Ausdruck für Punks) stand und seinem Punk-Papa sagte, er oder es wolle Spießer werden. In umgekehrter Weise war dies bei diesem Vater und diesem Sohn der Fall: Der kleine Junge richtete sich vor dem Vater auf und stellte mit seiner kindlichen Frage das ganze beschissene Weltbild des Vaters in Frage. Dass sich der Vater angegriffen fühlte, konnte man an den Zornesfalten über der Nase prima erkennen, die sich über die Querfalten legten. Der Vater stammelte dann etwas von Verantwortung, Zukunft und Vorsorge, aber der Junge sah noch einmal über seine Schulter, erblickte den Penner am See und wusste: Wenn er groß ist, will er auch mal Penner sein.





Montag, 8. Oktober 2012

Du nennst es Liebe



Du willst einen Menschen haben,
dich ganz und gar an ihm erlaben,
du willst ihn dein Eigen nennen,
dich nie mehr von ihm trennen,
willst gestillte Sehnsucht und noch mehr,
ein Leben ohne ihn wär undenkbar schwer,
du willst „Ich liebe dich“ sagen,
dein Herz zu seinem tragen?

Du willst, dass er dich glücklich macht,
denn so hast du es dir erdacht,
du willst immer seine Treue,
und wenn nicht, dass er es bereue,
du suchst Geborgenheit und bist voll Eifersucht,
ich kann dir sagen: das ist nicht Liebe, das ist Flucht.

Freitag, 5. Oktober 2012

An dich, der nie zufrieden ist




An dich, der nie zufrieden ist,
der nur schlingt und immer frisst,
aber niemals satt sich isst.

An dich, der immer nur nach vorne blickt,
der lieber heute statt morgen fickt,
aber niemals im Frieden nickt.

An dich, der immer mehr will,
der nur noch lebt – laut und schrill
aber niemals innehalten kann - ganz still.

An dich, der nur sein Geld sieht,
der nur noch seine Konten wiegt,
aber sich selbst gar nicht liebt.

An dich, der nicht mehr schlafen kann,
der sich selbst geißelt in seinem Bann,
aber niemals hört seinen Seelenklang. 

An dich, der in Angst und Kummer stirbt,
der sein Leben hat verwirkt,
aber niemals was bewirkt.

Lass los von deinem Streben,
mühe dich nicht ab im Leben,
es reicht, sich einfach hinzugeben.