Samstag, 18. August 2012

Katzensprung


 Bildquellenangabe: Marco Kröner  / pixelio.de

Als ich mich heute dazu entschlossen habe, nicht wie gewohnt und schon tausendmal exerziert, zu der unbequemen Rückenschule zu gehen, sondern einen anderen Weg einzuschlagen, habe ich diese Entscheidung als einen Aufstand gegen die Gewohnheit, Regelmäßigkeit und Stumpfsinnigkeit großstädtischer und kleinbürgerlicher Lebensweise herbeigeführt. Der Aufstand war bitter, aber notwendig. Ich erachte es als selbstverständlich und zwingend erforderlich, dass jeder Mensch den Schritt der wahrhaften Selbstmeuterei geht, denn nur wer sich selbst auf die Planke schickt und bereit ist, vom Narrenschiff in das Meer der Unbedeutsamkeit zu springen, wird mit der kühlen, schweren Nässe vertraut, die einem hilft, den Grund statt nur den Wellenschlag zu erkennen. Ich bin gesprungen, mit Anlauf, und ich habe den Grund erreicht. Hastig habe ich nach ihm gegriffen, versucht ihn zu halten, bis mir die Luft ausging, dann musste ich zurück an die Oberfläche. Man hält es in den Tiefen eben nicht lange aus.

Seit meiner Kindheit leide ich an einer Rückgratverkrümmung. Um diese zu lindern war ich seit der Diagnose immer wieder in Behandlung. Ein gekrümmter Rücken muss langsam gerichtet werden, hatte man mir einst erzählt. Heute habe ich begriffen, auf welch unsinniges Geschwätz ich da hereingefallen bin. Ich weiß gar nicht, seit wie vielen Jahren ich jeden Montag um 17:30 denselben Weg zur Rückenschule gehe. Doch heute war es anders als sonst. Heute nahm ich erstmals nicht nur die Schmerzen zwischen meinen Wirbeln, sondern auch die Schmerzen um mich herum wahr. Es sind stechende Zuckungen all jener Menschen gewesen, die die Hoffnung auf Heilung längst aufgegeben haben. In den Beinen hämmert die Regelmäßigkeit, im Rücken schiebt sich die Gewohnheit zwischen die Lendenwirbelsäule und die Halswirbelsäule und im Kopf breitet sich die Stumpfsinnigkeit aus. Elende Schmerzen einer weitverbreiteten Erkrankung. Auch ich leide an dieser Ansteckungskrankheit. Das Gerede der Orthopäden und Physiotherapeuten über meinen ach so schlimmen Rücken vernachlässigt, habe ich mich dazu entschlossen, mir selbst Linderung zu verschaffen. Heute habe ich begriffen, dass ein gekrümmter Rücken nur ein weiteres Symptom der anhaltenden und sich kontinuierlich verbreitenden Krankheit der Durchschnittlichkeit ist. Die Durchschnittlichkeit ist eine so furchtbare Erkrankung, weil sie schnell chronisch werden kann und man sie, so wie ich heute, erst nach sehr langer Zeit, wahrscheinlich wenn es schon zu spät ist, an sich erkennen kann. Kein Arzt, kein Therapeut, kein Pfleger, niemand hatte mir bisher etwas von dieser Funktionsstörung erzählt.

Statt Aufklärung zu leisten, hatte man mir ein Korsett übergestreift; damit mein Rücken wenigstens so aussieht, als sei er aufrecht. Sie war mir schon immer zu eng gewesen, diese künstliche Halterung, die stets drohte, aufzubrechen und den wahren Zustand meines Rückens freizulegen: krumm und in sich hineingesunken, voller Schmerz und Enge. Ein Korsett, das zur Aufrichtigkeit meines Rückens beitragen sollte; für mich war es nur eine Zwangsjacke, die den heutigen Tag so lange wie möglich aufschieben sollte. Doch nun ist es vollbracht. Die Zwangsjacke habe ich von mir gesprengt. Meine verkümmerte Rückenmuskulatur in einem einzigen Moment angespannt, die Luft eingezogen und den Bauch mit ganzer Kraft nach außen gedrückt, konnte ich diese Stütze meines Rückgrates losreißen. Endlich: Allein aufrecht stehen! Dieser kurze Moment wahrer Aufrichtigkeit wurde mir jedoch rasch wieder entzogen, schnell sackte ich zusammen, ließ meine Schultern hängen und meine Wirbelsäule begann zu schmerzen. Nun musste ich all die Last allein tragen. Jene Last, die ich doch schon längst vergessen hatte, die mir mein Korsett abgenommen hatte. Wo war es nur hin, mein Korsett?

Als ich heute einen anderen Weg einschlug und nicht jenen, der mir seit so langer Zeit vertraut war, sah ich all die gekrümmten Menschen wie leblose Zombies vor mir her laufen. Erstmals konnte ich ihren freigelegten Rücken erkennen, ihre morschen Knochen riechen und ihre Verwesung schmecken. Wie froh war ich, einen Weg abseits der Massen gefunden zu haben. Von hieraus konnte ich beobachten, von hieraus konnte ich atmen, von hieraus konnte ich flüchten, wenn mir danach war. Die Zombiemenschen eilten in die verschiedensten Richtungen. Kreuz und quer stürmten sie die Straßen, ohne Rücksicht auf die gekrümmten Rücken vor ihnen oder hinter ihnen. Gierig suchten sie überall nach Frischfleisch, um dieses in die eigenen Reihen einzugliedern. Diese Zombiemenschen, besessen von einer finsteren Macht, die, so schien es zumindest mir, nicht nur die einzelnen Wege ihrer Untertanen bestimmte, sondern auch die Lebenszeit; wobei mir sogleich die Frage kommt, ob es denn angemessen sei, von Lebenszeit zu sprechen, sind es doch nicht Lebende, denen ich begegnet bin.

Die finstere Macht, so habe ich heute begriffen, besitzt zwei Stöcke. Zwei sind es, die sie tragen, die ihr die Kraft verleihen und die die Horde der Untoten manipuliert. Täglich wird man in den großen Städten von jenen Stäben gestoßen, in jedem Geschäft, an jeder Haltestelle und auch im sicher geglaubten Zuhause wird man ununterbrochen von beiden Stöcken der finsteren Macht heimgesucht. Kommt mein krummer Rücken durch die vielen Stöße, die ich all die Jahre, vor allem jeden Montag um 17:30, erdulden musste? Einst waren es die Menschen, die der Macht Leben einhauchten. Sie gaben ihr eine Aufgabe, die Macht hatte eine Funktion. Nun aber hat sie sich über den Willen der Menschheit gesetzt und lebt unabhängig von ihr. In strenger Regentschaft herrscht sie über die Menschen in den Städten. Sofort setzen sich alle in Bewegung, zeigt der eine Stab in die eine Richtung und der andere Stab in eine andere. Die Angst, den Willen der Macht nicht zu erfüllen, treibt jeden Morgen sämtliche Bürger aus ihren Betten und zwingt sie, genau dann irgendwo zu erscheinen, wenn die große Macht ihre Stäbe neu ausgerichtet hat. In fast jedem Zimmer hat man kleine Nachbildungen dieser Stöcke an die Wand gebracht, nur um stets zu wissen, wann das nächste Mal zugetreten wird.   

Du möchtest, dass ich eine Geschichte über das Leben in großen Städten erzähle? Nun, ich glaube, dass sich kein Tag besser eignen würde als der heutige. Denn heute konnte ich das Stadtleben in seiner reinsten Form beobachten. Frei von der beherrschenden Macht, frei vom Korsett, frei von Zwängen.

Jahrelang erzählte man mir, wie wichtig die Rückengymnastik sei. Jahrelang ging ich montags denselben Weg durch die Stadt zu meiner vermeintlichen Hilfe. Jahrelang schritt ich unter all diesen Menschen als einer von ihnen. Gewiss bin ich einer von ihnen. Und wie jeder von ihnen dachte und denke ich, dass ich etwas ganz Besonderes sei, jemand mit einer eigenen Vergangenheit, mit eigenen Erfahrungen und mit eigenen Zielen, eben etwas ganz Individuelles. Der Marktplatz war heute sehr voll, voller als üblich, was mich zunächst verärgerte, denn ich musste mehr Zeit für meinen Weg einplanen. Es waren viele Individuen unterwegs und jedes hatte sein ganz eigenes Ziel in dieser von Hektik und Anonymität geprägten Atmosphäre. Angetrieben von der finsteren Macht, die an jeder Ecke auf Pünktlichkeit und Gehorsam achtet, drängte ich mich unverschämt und gleichgültig durch die Massen, so wie die anderen eben auch. Daran war nichts Außergewöhnliches, jeder tat das, was er jeden Tag tun musste. Meine allzu hastige Wanderung durch das Stadtleben wurde in einem einzigen Moment der Achtsamkeit unterbrochen, nämlich genau dann, als ein Auto im Begriff war, eine Frau mit ihrem Kind zu überfahren. Zwar konnte der Fahrer des Wagens rechtzeitig, dennoch knapp, bremsen, aber in jenem einen Moment hielt die Stadt, zumindest der Teil, den ich wahrnehmen konnte, den Atem an. Wie versteinert blickten alle Menschen auf die vor Angst erstarrte Frau und ihr Kind. In diesem kleinen Moment der völligen Konzentration verlor die finstere Macht sämtliche Kontrolle. Ihre beiden Stäbe waren morsch und brachen. Glaub mir: Niemand, aber auch wirklich niemand, wusste in diesem Moment, wie spät es war oder welche Wege er zu erledigen hatte. Das war so offensichtlich! Jeder war aufgeschrocken, erwacht, erleuchtet und im Jetzt befreit. Als jedoch die ersten Menschen begriffen, dass nichts weiter passiert war, nahm dieses übermächtige Gefühl der Unabhängigkeit ab und alle gingen ihre gewohnten Wege weiter, ebenso hektisch und ebenso ignorant wie zuvor. Sie gewannen ihre Achtlosigkeit, die Achtung vor der Macht, zurück.

Ich blieb noch eine Weile erschüttert stehen. Konnte denn in diesem Augenblick kein anderer erkennen, was da passierte? Wieso liefen alle in ihrem gewohnten Rhythmus und in ihrer für Großstädte typischen Anspannung weiter? Jeder nur für sich? Selbst die Frau mit ihrem Kind nahm ihren normalen Weg durch die Stadt, durch die Menschenmenge, auf. Ich blieb allein zurück! Gefesselt von dem Gefühl, nicht mehr nur einer unter vielen zu sein, sondern jemand, der etwas ganz Spezielles aus seiner ganz speziellen Sicht sehen konnte, war ich zutiefst verunsichert. An meine Rückengymnastik dachte ich in diesem Moment überhaupt nicht. Ich wusste, dass ich dort nicht hingehen werde, vor allem nicht nach dieser Erschütterung. Kennst du das Gefühl, wenn du durch eine Großstadt gehst und dir viele Menschen begegnen, die alle irgendwohin steuern und du an jeder Ecke mit anderen Gerüchen konfrontiert wirst? Hast du diese Enge gespürt? Diese erdrückende Enge, in der einem bewusst wird, wie unbedeutend man selbst in der Masse ist – man, m – a – n, man. Jahrelang, ja seit Beginn meines Lebens war ich dieses „man“. Ich war nicht ich, sondern ein „man“, höchstens noch ein „Sie“, aber meistens doch nur ein „man“, gleichsam einem Sandkorn am Strand, der von Ebbe und Flut heimgesucht wird. Das ganze Leben, im Kindergarten, in der Schule, am Arbeitsplatz, auf der Bank, auf Ämtern, auf dem Markt, einfach überall lebt man als „man“ und bemerkt es entweder nie oder erst dann, wenn es bereits zu spät ist. Das ist das Dilemma der Durchschnittlichkeit. In der Schrecksekunde, als jeder dachte, die Frau und ihr Kind würden überfahren, spürte ich, wie jedwede Durchschnittlichkeit und alle „mans“ verschwanden und jeder, aber wirklich jeder, sein „Ich“ spüren konnte. Es war nicht mehr die Angst vor dem Zuspätkommen, der Termindruck oder die Panik, nicht rechtzeitig zum Sommerschlussverkauf zu kommen, sondern eine tiefersitzende Furcht, die sich in jenem Moment zu manifestieren wusste. Diese Angst war so stark, dass jedes „man“ fliehen musste und nur noch nackte Seelen übrig blieben. Das war für mich das erste Mal, dass ich das Leben in einer großen Stadt anders wahrnahm.

Mir kommt es vor, als sei dieser Vorfall bereits Wochen, ja vielleicht sogar Jahre her, doch es war erst vor wenigen Stunden. Seit diesem Moment weiß ich, was Großstadtleben bedeutet. Es bedeutet, ein Leben wie in einem Ameisenhaufen zu führen.

Stell dir bitte für einen Moment vor, dass du eine Katze seist. So abstrakt diese Forderung auf dich scheinen mag, bitte halte dich daran. Als Katze jagst du einem Vogel nach. Nichtsahnend rennst du dem kleinen gefiederten Tier nach und blickst gen Himmel, um den Vogel dort weiter beobachten zu können. Du siehst nicht vor dich und so passiert es schließlich, dass du in all deiner Freude über den Vogel versehentlich in einen Ameisenhaufen rennst. Schnell hast du den Vogel vergessen und wirst dir deiner schlimmen Lage bewusst: Du versinkst in einem Meer von abertausenden kleinen Tieren, die über dich herfallen, sich in deinem Fell verankern und dir ihr brennendes Gift injizieren. Was wünschst du dir wohl am sehnlichsten? Die Flucht? Freiheit?

Ich sage dir, dass ein Leben in einer Großstadt das Abbild eines solchen Ameisenhaufens ist. Jedes Mitglied, egal ob im Ameisenhaufen oder in der Stadt, hat seine bestimmte Funktion, seinen bestimmten Weg und sorgt dafür, dass dieser Haufen in seiner krabbelnden Ganzheit erhalten bleibt. Für mich war es heute offensichtlich: die Hektik, das Rennen, die Unruhe und ein ständiges Krabbeln, wie für Ameisen üblich. Doch dann bot sich mir der Moment zur Flucht – als die Zeit anhielt und jeder auf sich selbst zurückgeworfen wurde, konnte ich fliehen, während alle anderen weiterhin die Gewohnheit pflegten, die Regelmäßigkeit achteten und die Stumpfsinnigkeit förderten. Der einzige Unterschied zwischen dem Ameisenhaufen und einer Großstadt ist wohl der, dass sich in einer Stadt jeder für die Katze hält.

Montag, 13. August 2012

… und zweimal gewann der Affe


 Bildquelle: Ruth Rudolph/www.pixelio.de















Yagyu Tajima no Kami war ein hervorragender Schwertkämpfer. Er hatte viele Schüler unter sich, denen er seine Art des Kämpfens beibrachte. Als Haustier hatte Yagyu Tajima no Kami einen Affen, der den Meister beim Üben stets beobachtete. Der Affe sah den Schülern zu, erkannte deren Schwächen und lernte so den Weg des Schwertkämpfers. Da Affen bekannt sind, durch Nachahmen Verhaltensweisen zu erlernen, dauerte es gar nicht lange, bis der Affe sämtliche Techniken und Taktiken des Meisters beherrschte.

Es verging einige Zeit, bis an einem warmen Frühlingstag ein Krieger die Schule von Yagyu Tajima no Kami besuchte. Er hatte von dem Ruf des Meisters gehört und wollte ihn herausfordern. Er sprach zu Yagyu Tajima no Kami: „Ehrwürdiger Meister, ich bewundere eure Kunst, ein Schwert zu führen, auch im waffenlosen Kampf seid ihr für eure Schnelligkeit und für eure Stärke berühmt, ich möchte euer Können auf die Probe stellen.“ Der Meister überlegte einige Zeit und lehnte schließlich die Herausforderung ab. Der Krieger empörte sich: „Wie kann ein Meister eine Herausforderung ablehnen? Seid euch sicher, euer Name wird darunter leiden.“ Yagyu Tajima no Kami lächelte und antwortete: „Wenn ihr gegen mich antreten möchtet, so müsst ihr erst meinen Affen besiegen.“ Verdutzt sah der Krieger den Schwertmeister an. „Ich soll einen Affen besiegen?“, fragte er nach. „Ja“, entgegnete der Meister.

Der Krieger griff zu seinem Schwert und nahm die Position gegen den Affen ein, der sich inzwischen ebenfalls kampfbereit gemacht hatte. Mit einem Hieb gegen den Kopf des Affen begann der Krieger den Kampf. Der Affe wich jedoch geschickt aus und ließ sich weder von Stößen noch von Schlägen treffen. In dem Handgemenge wurde der Krieger immer unsicherer und der Affe konnte schließlich einen Treffer landen. Es folgten weitere Schläge gegen den Körper des Kriegers, bis dieser seine Waffe verlor. Der Kampf endete mit dem Sieg des Affen. Yagyu Tajima no Kami trat zu dem besiegten Krieger und sprach etwas herablassend: „Ich habe bereits vor dem Kampf gesehen, dass ihr meinem Affen nicht gewachsen seid.“ Der Krieger nahm sein Schwert und verließ den Meister.

Die folgenden Monate nutzte der Krieger, um seine kämpferischen Fähigkeiten zu verbessern. Er wollte unbedingt noch einmal gegen den Affen kämpfen und seine Ehre wiederherstellen. Er trainierte intensiv an seiner Technik. Nach einigen Monaten trat er wieder vor Yagyu Tajima no Kami und verlangte, gegen den Affen zu kämpfen. Der Schwertmeister erkannte, dass der Krieger sich nun intensiver vorbereitet hatte als beim ersten Mal. Er wusste auch, dass der Affe aus diesem Grund einem Kampf nicht zustimmen würde. Daher lehnte Yagyu Tajima no Kami die Bitte des Kriegers ab. Der Krieger aber drängte auf einen Kampf zwischen dem Affen und ihm. Schließlich gab der Meister nach und rief den Affen herein. Als der Affe den Krieger erblickte, warf er sein Schwert weg und sprang kreischend davon. Yagyu Tajima no Kami sprach zu dem Krieger: „Habe ich es nicht gesagt?“ Wieder konnte der Krieger den Affen nicht besiegen.

Samstag, 11. August 2012

Über die Freiheit des Willens


Der freie Wille ist nur eine Illusion. Darum können wir uns dem Weltenlauf hingeben und uns leben lassen, statt krampfhaft alles kontrollieren zu wollen. 



                                               Bildquellenangabe: sokaeiko  / pixelio.de
 

Dass der Mensch einen freien Willen besäße, ist die Grundlage vieler Religionen und anderer Weltanschauungen. Im Christentum bedarf es des freien Willens, damit der Sinn des Christentums überhaupt ermöglicht wird: die Umkehr – der Sünder muss sich entscheiden, umzukehren und ein gottgefälliges Leben zu führen. Dafür bedarf es des freien Willens. Aber auch in Politik und Gesellschaft ist die Idee vom freien Willen eine fundamentale Voraussetzung für unser heutiges Zusammenleben: Wir gehen wählen, wir entscheiden uns für eine Ausbildung, später für einen Beruf, wir entscheiden uns für eine Frau, eine Familie, was wir im Fernsehen gucken wollen und was wir zu Mittag essen wollen. Wenn jemand eine Straftat begeht, so wird der Täter angeklagt und verurteilt, weil man von der Prämisse ausgeht, dass er aus freiem Willen gehandelt hat – immerhin war es ja seine Entscheidung, beispielsweise die Bank zu überfallen. So scheint es, als sei der Mensch tatsächlich frei, als könne er wählen, ja sich ent-scheiden. In unserer Gesellschaft sind die Ideen der Freiheit und des freien Willens so ausschlaggebend, dass jeder Mensch für sein Schicksal verantwortlich gemacht wird. Verlierst du deine Arbeit und findest keine neue, so heißt es, dass du hättest besser suchen müssen. Wirst du krank und benötigst einen Arzt, heißt es, dass es an deiner schlecht gewählten Lebensweise liege und du dich ja nur ändern müsstest. Wenn du unzufrieden bist, ganz gleich womit, wird man dir die Schuld daran geben, denn es ist ja schließlich dein Leben und „wie man sich bettet so liegt man“ bzw. „jeder ist seines Glückes Schmied.“ Aber ist dem wirklich so? Kann man so radikal die Freiheit vertreten, wie dies in unserer Gesellschaft geschieht? Was ist mit armen und hungernden Kindern? Sind diese auch an ihrem Schicksal Schuld? Wer trägt wirklich die Verantwortung? Die Frage nach dem freien Willen hat sehr viel mit der Frage nach der menschlichen Existenz zu tun: Durch was leben wir? Was macht uns aus? Wo gehören wir hin? Wo streben wir hin? Wie stehen wir unserer Umwelt gegenüber?

Wenn das Ich übrig bleibt


Stellt euch vor, alles, was ihr gelernt habt, alles, was euch beigebracht wurde, alles, was ihr erreicht und erlebt habt, alles was ihr mögt und was ihr verabscheut, eure Berufe, Familien und Freunde, all die Vergangenheit und mögliche Zukunft – einfach alles, was eure Persönlichkeiten beschreibt, würde wegfallen; was bleibt dann noch von euch übrig? Die meisten werden antworten: „Ich bleibe übrig.“ Gut! Das ICH bleibt also übrig. Doch was nützt uns das? Leben wir durch dieses ICH? Lebt der Mensch von sich selbst? Lebt er von den Bedingungen seiner Lebenssituation? Lebt er von anderen oder durch andere? Lässt er sich von religiösen und politischen Regeln leben? Leben wir durch unsere Erfahrungen? Vielleicht prägt uns jeder dieser Faktoren ein wenig?

Der Mensch kann schlussfolgern, Zusammenhänge erkennen bzw. selbst welche setzen, er kann abstrahieren und gedanklich gefasste Beschlüsse in die Tat umsetzen. Es erscheint darum sehr naheliegend, zu behaupten, wir könnten jederzeit eine Entscheidung treffen. Die Voraussetzung für eine erfolgreich durchgeführte Handlung ist der gedanklich gesetzte Impuls, günstige Umweltbedingungen und die Prämisse, dass jene Menschen nach unserem Plan handeln, die von unserer Entscheidung in irgendeiner Form betroffen sind. Außer den Gedanken, die durch uns hindurchströmen und die wir nur sehr gering kontrollieren können, scheinen wir dennoch in der Lage zu sein, freie Entscheidungen zu treffen. Das ICH entscheidet sich, heute Abend ins Kino zu gehen. Der Plan geht auf, wenn man weiß, wo sich das Kino befindet, wenn es geöffnet hat und Filme anbietet, die man gerne sehen möchte. Doch wo kommt die Entscheidung her, ausgerechnet heute Abend ins Kino gehen zu wollen? Wer oder was projiziert uns diesen Wunsch ins Bewusstsein? Das ICH? Schaffen wir uns dann selbst unsere Gedanken? Dabei scheinen diese aber oftmals willkürlich und unberechenbar zu sein.

Das ICH entscheidet, welchen Beruf wir machen, welchen Lebenspartner wir uns aussuchen, wohin wir in den Urlaub fahren usw. Wirklich das ICH, das authentische und freie ICH? Sind es nicht vielmehr unsere Erfahrungen und Vorstellungen, die uns zu bestimmten Entscheidungen verleiten? Ganz gleich, wie man auf diese Frage antworten mag, es erscheint so, als ob sich die Welt unserem Willen beugen müsste. Wenn wir Feuerwehrmann werden wollen und die Bedingungen stimmig sind, scheint uns nichts im Weg zu stehen, diese getroffene Entscheidung Wirklichkeit werden zu lassen.

Gesetzte Entscheidungen


Gesetzte Entscheidungen sind Entscheidungen, die bereits getroffen wurden. Zum Beispiel bestimmen die Eltern schon sehr früh, was das Kind später beruflich werden soll, folglich wird auch der Ausbildungsweg des Kindes bestimmt sein. In der Kindheit stellen sich die Weichen für die Zukunft. Das ist nicht nur eine Erkenntnis aus der Psychologie, sondern auch eine Perspektive der Philosophie, wenn der Mensch als werdendes Sein begriffen wird, das sich im Kanal der Zeit befindet.

Gesetzte Entscheidungen entstehen auch durch die Bedingungen der Umwelt: Welche Lehrstellen werden überhaupt angeboten? Welche Zulassungsvoraussetzungen müssen erfüllt sein? Wie weit ist der Ausbildungsplatz entfernt? Später stellt sich die Frage nach den offenen Stellen auf dem Arbeitsmarkt. Auch hier verfügt der Mensch über keine vollkommene Freiheit, sondern muss sich den Anforderungen der Umwelt anpassen.

Auch in der Partnerwahl zeigen sich gesetzte Entscheidungen. Hierbei sind sie sehr offensichtlich. Wenn wir einem Menschen begegnen, der uns gefällt und mit dem wir in eine Partnerschaft treten möchten, dann beschließen wir (unser ICH?) aktiv zu werden. Vielleicht laden wir den Menschen zum Essen oder ins Kino ein. Bald aber stellt sich heraus, dass der Gegenüber überhaupt kein Interesse an uns hat. Enttäuscht müssen wir uns zurückziehen. Der andere scheint entschieden zu haben, uns nicht haben zu wollen. Die Gründe dafür können vielfältig sein.

Wir können uns für eine politische Partei oder eine bestimmte Religion entscheiden. Auch hier kann man sagen, dass man sich frei für etwas entscheide. Aber wo kommt unsere Vorliebe für eine Religion oder ein politisches Profil her? Was wir tun und denken, geht sehr häufig auf in der Kindheit gewonnene Überzeugungen und Glaubenssätze zurück, die sowohl bewusst als auch unbewusst in uns sind und uns zu bestimmten Entscheidungen führen.

Wille und Nicht-Wille – Sein und Nicht-Sein


Ein Beispiel: Du hast dich gestern in einer Konditorei für ein Stück Schwarzwälder Kirschtorte entschieden. Hättest du auch ein anderes Kuchen- bzw. Tortenstück wählen können? Vermutlich wirst du mit „ja“ antworten, denn die Auswahl an Kuchen- und Tortenstücken hast ja offensichtlich nur du gehabt. Vielleicht ist aber auch ein „nein“ richtig, schließlich hattest du ja nur die Wahl zwischen den Kuchen- und Tortenstücken, die der Konditor angeboten hat. Dieses Beispiel beinhaltet die Frage nach der Schicksalshaftigkeit des menschlichen Lebens: Ist das Leben des Menschen vorherbestimmt oder hat der Mensch eine Willensfreiheit, durch die er sein Schicksal selbst bestimmen kann?
Bei solch banalen Beispielen wie dem mit der Schwarzwälder Kirschtorte wird offensichtlich, was gemeint ist: Hast du dich für die Torte entschieden, weil du es wolltest oder „wurdest“ du entschieden, weil dein Lebensweg dich zwangsläufig in diese Konditorei und in diese Situation geführt hat?

Die Frage, ob der Mensch einen freien Willen besäße, ist darum so schwer zu beantworten, weil wir es gewohnt sind, das Gegenstück des freien Willens als Zwang aufzufassen. Wer nicht frei eine Entscheidung über sein Leben treffen kann, ist ein Sklave, ein Unfreier – so zumindest die gängige Meinung. Doch man kann auch umgekehrt denken, dass es nämlich auch ein Zwang sein kann, sich unbedingt entscheiden zu wollen. Dann ist die Entscheidung weder frei noch vom ICH gefällt. Um die Frage nach dem freien Willen beantworten zu können, ist es wichtig, sich das heutige Bild vom Menschen näher anzusehen: Wir erleben uns als von der Umwelt getrennte Wesen. Wir sind ein eigenständiges ICH bzw. verfügen wir über dieses ICH, das uns einmalig macht. Und weil wir ein ICH sind, haben wir auch einen Willen, mit dem wir dieses ICH formen können. Unser Wille ist dabei nur so frei wie er es unter den aktuellen Lebensverhältnissen ist. Eine Kleinigkeit kann dieses Menschenbild sofort umwerfen und für nichtig erklären, nämlich die Behauptung, dass wir nicht die Ausübenden unseres eigenen Willens seien.
            Die Frage nach dem freien Willen wird immer wieder unter der Prämisse gestellt, dass der Mensch es selbst sei, der diesen Willen auch tatsächlich ausübe – dass es das ICH sei, das eine Willensentscheidung durchführt. Das setzt allerdings voraus, dass dieses ICH auch real sein müsste, es müsste auch handlungsfähig sein. Ist es das? Besitzt jeder Mensch ein ICH? Ein Säugling grenzt sich nicht von seiner Außenwelt ab, indem es behauptet, ein ICH zu besitzen. Die Idee vom ICH entwickelt sich erst später und kommt im Erwachsenenalter zur vollen Entfaltung.

Wo kommt unser ICH her – die Idee einer einmaligen Persönlichkeitsstruktur? Unser ICH-Bewusstsein ist keine reale Tatsache, sondern ein Produkt unseres Denkens. Wir erdenken uns selbst. Wenn wir sagen „das und das bin ich“ oder „dieses und jenes macht mich aus“, dann ist das Vergangenheit – nicht aktuell; wir beziehen uns auf Erfahrungen, die in der Vergangenheit gemacht wurden, aber dort leben wir schon längst nicht mehr. Unser Körper und unser SEIN befinden sich stets im Augenblick. Unser ICH-Konstrukt entsteht aber aus der Vergangenheit heraus und ist damit letztlich nicht mehr gültig, da es sich auf Situationen bezieht, die nicht mehr vorhanden sind, sie sind unreal – folglich ist auch das ICH unreal, denn es wird aufgrund hinfälliger Erfahrungen definiert. Wenn wir sagen „Ich mag keine Schokolade“, dann kann es sein, dass wir wirklich keine Schokolade mögen, aber die Aussage entsteht, weil wir uns auf eine Erinnerung berufen. Wir haben in der Vergangenheit, nicht im JETZT, die Erfahrung gemacht, dass uns Schokolade nicht schmecken würde. Wenn wir JETZT eine Schokolade essen würden, dann würden wir sie nur essen, erst einen kurzen Moment später würden wir feststellen, dass uns Schokolade nicht schmecken würde, und damit wird wieder die Erinnerung zu einem Bezugspunkt für eine Aussage über uns selbst. So definieren wir uns stets aus unserer Vergangenheit heraus. Unser Gedächtnis ermöglicht es uns, vor dem Augenblick auszuweichen und uns in vergangene Erfahrungen zu flüchten. Unser Denken schafft die Flucht in die Vergangenheit durch den Ich-Prozess, der ständig am Arbeiten ist: Ich bin hungrig, ich bin müde, ich will schwimmen, ich will küssen, ich hab Angst, ich kann nicht mehr – ich, ich, ich.
            Unser Ich-Prozess ist nichts weiter als eine zeitlich verzögerte Wahrnehmung einer Erfahrung. Man kann ihn mit einem Hockey-Spiel vergleichen, das auf eine Leinwand übertragen wird: Das wirkliche Spiel findet auf dem Spielfeld statt. Auf der Leinwand wird das Spiel um wenige Millisekunden verzögert dargestellt – es ist Vergangenheit. Weil das Gefühl und der Gedanke, ICH würde mich für die Schwarzwälder Kirschtorte entscheiden, zeitlich so schnell und direkt dem echten Ereignis folgen, leben wir in der Illusion, dass das ICH eine handelnde Instanz wäre.

Noch ein Beispiel: Wir hören Lärm und erst einen ganz kurzen Moment später wird uns bewusst, dass wir ihn nicht hören wollen. Im Augenblick des Lärms sind wir uns nur des Lärms gewahr. Erst wenn unser Denken den Lärm kategorisiert und bewertet entsteht die Illusion vom ICH, in der wir sagen, dass wir diesen Lärm nicht hören wollen.

Der Wahn der Wirklichkeit


Weil wir zeitlich verzögert leben, also niemals im JETZT, leben wir in einem ständigen Wahn, in dem wir einer Wirklichkeit anhängen, die gar nicht existent ist. Das ICH als die Basis unseres Identitätsgefühls ist für diese Wahnvorstellung die Grundlage. Unsere erdachte Identität steht also mit unserer Wirklichkeitsauffassung unmittelbar zusammen.

Unser ICH besteht nur aus Erinnerungen. Es kann niemals im JETZT erfasst werden, weil das JETZT eine unbedingte Aufmerksamkeit erfordert, die keinen Raum lässt für Gedanken. Dass wir uns immer als ICH erleben, ist einzig unseren Gedanken zu verschulden. Wem es schon mal gelungen ist, nicht zu denken, wird erkannt haben, dass es da kein ICH mehr gibt. So wie wir denken, hemmen wir uns selbst, weil wir stets in Bildern handeln, die wir von uns selbst erzeugt haben. Auf diese Weise erfahren wir weder etwas über die in uns schlummernde Fähigkeiten noch können wir frei handeln, denn unser ICH-Verständnis sorgt stets für gesetzte Entscheidungen. Der freie Wille ist nur eine weitere Illusion, die auf die ICH-Illusion zurückgeht, denn der eigentliche Entscheidungsprozess hat bereits stattgefunden – noch bevor man sich der Wahl bewusst wurde.

Freiheit nur im JETZT


Eine tatsächliche Freiheit kann es nur im JETZT geben, in dem Zustand, in welchem kein ICH existiert und auch keine Gedanken uns zu irgendetwas zwingen. Natürlich ist es Unsinn, die eigenen Gedanken kontrollieren zu wollen. Habt ihr schon mal versucht, krampfhaft einschlafen zu wollen oder etwas mit Absicht vergessen zu wollen? Es gelingt nicht! Genauso wenig kann man die Gedankenströme in uns aufhalten. Statt nun zu versuchen, sich zur Ruhe zu zwingen, was wieder Unruhe bedeuten würde, wäre es einfacher, die Gedanken einfach zuzulassen, sie als etwas anzusehen, was vorbeifließt, wie Laubblätter in einem Gebirgsbach. Man beobachtet den Bach und das vorbeifließende Wasser und die Blätter, aber man springt nicht hinein, um die Blätter herauszufischen.

Was macht unser ICH-Denken aus? Gibt es noch etwas außer unsere Erinnerungen bzw. Gedanken, die unser ICH formen? Unser Körper? Unsere Beziehungen? Unsere Gefühle? Selbstverständlich sind wir Lebewesen. Und als diese sind wir in gewisser Form einmalig. Unser Körper trennt uns ganz klar von unserer Umwelt und von anderen Menschen ab. Doch gehören die Dinge, die sich außerhalb unseres Körpers befinden darum nicht mehr zu uns – zu unserem Leben, unserer Existenz? Ist unser Körper die Grenze unseres SEINS? Ein Säugling scheint diese Grenze nicht zu kennen, denn er identifiziert auch Teile seiner Umwelt als ICH. Aber unsere trennende Vorstellung von ICH HIER und DU DORT schafft in unserem Leben Spaltungen, die gar nicht notwendig sind. Wem es gelingt, seine Umwelt rein wahrzunehmen, also frei von Meinungen, Vorurteilen, Prägungen usw. der kann das JETZT ausleben ohne dabei in seinen Gedanken abzudriften. Es ist nur ein ganz kleiner Moment, der jeden Moment eintreten kann. Planen kann man das JETZT nicht, denn jeder Plan fußt auf Vergangenheit und bezieht sich auf Zukünftiges – beides sind Zeitdimensionen, die nicht existent sind.

Wer denkt was?


Wer denkt deine Gedanken? Vermutlich wirst du sagen: „Na ich.“ Hierbei beziehst du dich auf deine Vorstellung von dir, also auf dein ICH-Konstrukt, das selbst bloß Gedanken sind. Unsere Gedanken entstehen im Gehirn und setzen sich aus Erinnerungen und „Momentaufnahmen“ unseres Lebens zusammen. Die Bildung von Gedanken steht unmittelbar mit unserem Wahrnehmungsprozess zusammen. Das Denken  greift Ereignisse aus der Umwelt auf, vergleicht sie mit Erinnerungen, kategorisiert, bewertet und ordnet ein. Der Anfang der Gedanken ist dadurch immer etwas Äußeres. Selbst wenn dir plötzlich ein Gedanke in den Sinn kommt, hat er seine Urform in der Außenwelt. Er ist nicht aus dir selbst heraus entstanden, sondern steht im Bezug zur Umwelt. Wenn du dich zum Beispiel an etwas erinnerst, dann geht der Gedanke der Erinnerung auf eine real gemachte Erfahrung zurück. Zum Beispiel kommt dir plötzlich der Gedanke an Wassereis – dann aber nur, weil du in deiner Vergangenheit  bereits Erfahrungen mit einem realen Wassereis gemacht hast. Jetzt kann man erwidern, dass man auch über nichts direkt Erfahrenes denken kann, zum Beispiel die Mondlandung. Aber auch hier gab bzw. gibt es einen äußeren Reiz, der den Gedanken in uns auslöst – beispielsweise eine Fernsehsendung über die Mondlandung. Wir sind immer ein Teil des Ganzen.

Das Denken kommt aus dem Gedächtnis. Das Gedächtnis, als Sammelsurium von Erinnerungen, entsteht durch die Aufzeichnung äußerer Reize. Somit sind alle Prozesse in unserem Gehirn stets Vergangenheit. Die Illusion vom ICH und der Glaube, dass dieses ICH der Denker unserer Gedanken sei, wird einzig vom Denken selbst aufrechterhalten. Darum ist es Unsinn, an der ICH-Vorstellung festzuhalten. Das einzige, was wirklich bei diesem Prozess stattfindet, ist das Denken – und das findet im JETZT statt. Die Inhalte aber sind Vergangenes. Wer oder was denkt also unsere Gedanken, wenn es nicht das ICH ist, das ja selbst nur ein Denkprodukt ist?

Die Gedanken sind Teile der großen Einheit. Da wir nicht die einzigen sind, die denken, sondern die ganze Menschheit am Denkprozess beteiligt ist, ist das Denken ein globales Phänomen. Weltweit entstehen Gedanken. Diese Gedanken führen zu Entscheidungen, die zu bestimmten Eiereignissen führen. Diese Ereignisse wiederum gehen in das Gedächtnis der Beteiligten ein, was einen Einfluss auf deren weitere Entscheidungen haben wird, die wiederum Ereignisse auslösen usw. Damit ist unser Denken ein Teil weltweit vernetzter Prozesse. Es ist nicht so, dass wir als Individuen denken, sondern das wir als Menschheit denken. Jeder hat seine Vorstellung vom ICH, aber die Gedanke-Ereignis-Kausalität ist global gültig und betrifft alle Menschen. Darum ist es das Denken der Menschheit, dass uns zu bestimmten Entscheidungen und ICH-Bildern bewegt.

Freier Wille?


Einen freien Willen kann man nicht haben, wenn man selbst Teil eines großen Ganzen ist. Man müsste unabhängig von diesem Netzwerk bestehen und die Gedanke-Ereignis-Kausalität müsste durchbrochen werden. Da dem aber nicht so ist und wir alle – jeder Einzelne – ein Teil der Menschheit und ein Teil der Welt sind, sind wir nicht die getrennten Individuen, wie wir allzu oft glauben. Unsere Entscheidungen sind das Ergebnis von Gedanken, die auf bestimmte Ereignisse zurückzuführen sind, an denen wir nicht immer aktiv beteiligt waren. Aufgrund des umfassenden Netzwerkes aus Gedanken, Entscheidungen und Ereignissen sorgen genau diese Dinge für unser Leben. Sie führen dazu, dass wir in bestimmten Situationen ganz bestimmte Entscheidungen treffen bzw. dass diese Entscheidungen durchgeführt werden. Darum können wir gar nicht anders, als das tun, was in der jeweiligen Situation angemessen ist, auch wenn uns das oftmals nicht bewusst ist und wir Entscheidungen hinauszögern oder gar bereuen. Wir können unser Schicksal so gut wie nicht bestimmen, weil wir kein individuelles Schicksal haben. Wir sind Teile des großen Ganzen und kein getrenntes ICH. Um Freiheit zu erlangen, muss man das ICH-Denken verwerfen und im JETZT aufgehen. Das gelingt aber nicht auf Kommando. Die damit gewonnene Freiheit ist eine neue Form der Freiheit, in der es gar nicht mehr um die Frage nach dem freien Willen geht, sondern um das Erleben und Erfahren des Augenblicks. Freiheit erreicht man in der Ruhe, Ruhe kommt, wenn das Denken aufgehört hat. Das Denken hört auf, sobald dieses von selbst erkannt hat, dass es keine Freiheit hat – dies gelingt durch Einsicht und Beobachtung, nicht aber durch analytisches Denken. Erst wenn der Geist sich selbst misstraut und feststellt, dass er nicht so mächtig ist, wie er geglaubt hat, beginnt die Neuorganisation des Denkens. Wenn das Denken sich in einem Teufelskreis befindet und schließlich an seine Grenzen geführt wird, wird es ruhig werden. Das ist genau wie bei einem schweren Problem: Man grübelt tage- und nächtelang und man kommt einfach zu keiner Lösung. Plötzlich gibt das Denken nach und die Lösung kommt spontan in den Kopf, ganz ohne Anstrengung – ganz in FREIHEIT.

Freiheit gewinnt man, indem man loslässt.

Donnerstag, 2. August 2012

Yggdrasil




Esche, Achse, Weltenbaum,
der Ahnen großer Weltenraum,
ist schönster Baum auf Erden,
vereint in sich neun Gärten.

auf der Spitze thront ein Wesen,
es ist ein Adler wohl gewesen,
einen Namen trägt er nicht,
führt aber Vedrfölnir im Gesicht.

durch drei Wurzeln lebt der Baum,
man erkennt sie kaum,
sie führen nach Jötunheim, Asgard und Niflheim,
mitten in das Leben hinein.

Ratatöskr klettert hin und her,
üble Nachrede ist sein Begehr,
Hirsche fressen an der Esche,
Schlangen decken ihre Mittagstische.

Unter den Zweigen herrscht Gericht,
die Götter zeugen neu‘ Gesicht,
sie beraten und urteilen ab,
sehen von Yggdrasil herab.

Am Fuße sitzen Urd, Werdandi und Skuld,
sie entscheiden über Schicksal und Schuld,
die drei Nornen weben den Faden des Lebens,
wissen um die Geheimnisse des Gebens und Nehmens.

Achte auf Yggdrasil, sieh ihn beständig an,
wenn er zu beben beginnt, naht Ragnarök heran,
welken die Blätter und fault der Stamm,
droht der Weltuntergang.