Sonntag, 29. Juli 2012

Ebooks – Buchdruck mit digitalen Lettern

Bildquellenangabe: Mika Abey  / pixelio.de


 
Der Buchdruck mit beweglichen Lettern geht auf Johannes Gutenberg (1400-1468) zurück. Seine Erfindung hat die mittelalterliche Buchherstellung gänzlich revolutioniert. Ihm ist es zu verdanken, dass sich das Buch zu einem Massenartikel etablieren konnte, der bis in die Gegenwart hinein die Grundlage für Wissenschaft, Forschung und auch für die Gesellschaft als Ganzes ist, da diese selbst auf Wissen aufbaut – auf Wissen, welches in Büchern niedergeschrieben ist. Gutenbergs Buchdruck war die Voraussetzung für das Sichern von Wissen und Erkenntnissen in unzähligen Büchern. Dadurch konnte sich die moderne Wissensgesellschaft entwickeln, deren zentrales Kriterium die Massenbildung ist. Heutzutage ist ein Buch kein Luxusartikel für wenige Auserwählte, sondern für sehr viele Menschen frei zugänglich.
In gewisser Form ähnelt die „Erfindung“ der E-Books der Erfindung Gutenbergs. So wie dieser einst die Bücher zu einer  zugänglichen Ware gemacht hat und Bedingungen geschaffen hat, durch die die Bücher in jeden Haushalt gelangen können, so sind die E-Books der Gegenwart die Fortsetzung dessen, was Gutenberg einst geschaffen hat: Sie sind Massenartikel zur Sicherung und Weitergabe von Wissen. Auch wenn die Zahl an E-Book-Autoren zunimmt und auch das Interesse der Leserschaft an digitalen Büchern steigt, ist immer wieder – gerade seitens etablierter Verlage und/oder Autoren – Ablehnung zu spüren. Nicht selten warnen sie sogar vor selbstpublizierenden Autoren, die ihre Bücher als E-Books zum Download bereitstellen. Zwar richten sich die Verlage auch neu aus und bieten bereits E-Books an, aber sie betonen immer wieder wie wichtig es sei, bei E-Books unterscheiden zu müssen; nämlich zwischen den E-Books, die Verlage publizieren und damit digitale Werke bereits erschienener Print-Bücher sind und den E-Books, die die Autoren selbst veröffentlichen und vermarkten. Die häufigste Kritik an den sogenannten Indie-Autoren (=verlagsunabhängige Autoren) betrifft die Qualität. Die großen Verlage behaupten, dass die unabhängigen Autoren meist eine schlechtere Qualität aufweisen würden, ja dass sie sogar nur E-Books selbst publizieren würden, weil kein Verlag von der Qualität des Autors überzeugt werden konnte. Muss ein Verlag überzeugt werden, wenn man als Autor für die Leser schreibt? Die Verlage fühlen sich bedroht. Durch die Einführung der E-Book-Technologie wurden ihre Funktion und ihr Selbstverständnis zum ersten Mal fundamental infrage gestellt – galt es doch bis vor wenigen Jahren als normal, sich als Autor mit einem fertigen Manuskript an einen Verlag zu wenden und diesen von der eigenen Leistung zu überzeugen. Heutzutage ist der Verlag als Vermittler zwischen Autor und Leserschaft nicht mehr notwendig. Das Internet und die E-Book-Technologie (natürlich auch die Books-on-Demand-Verfahren) machen eine verlagsunabhängige Arbeit von Schriftstellern möglich. Dies muss nicht negativ sein, so wie es immer wieder zu hören und zu lesen ist. Im Gegenteil: Wer unabhängig ist, sich keinem Modetrend unterordnen muss und sich auch nicht am Geschmack der Masse orientieren muss, der kann frei schreiben und damit etwas Eigenes schaffen.

Sind E-Book-Autoren richtige Autoren?


In einem sehr weitgefassten Sinn ist jeder ein Autor, der etwas schreibt. In einem sehr engen Sinn gilt man nur als Autor, wenn man etwas geschrieben hat, das von einem Verlag akzeptiert wurde und anschließend über diesen Verlag veröffentlicht wurde. Diese relativ enge Sicht vertritt der Verband deutscher Schriftsteller, wenn als Aufnahmekriterium für Autoren festgelegt ist, dass nur jene Autoren aufgenommen werden, die ihr Können durch eine nicht selbstfinanzierte Veröffentlichung nachweisen können. Zwar wird noch der Hinweis gegeben, dass eine vergleichbare literarische Tätigkeit ausreichend wäre, aber die Aussage bleibt dennoch eindeutig: Ein Autor ist jemand, der ein Buch geschrieben hat, welches nicht selbst publiziert wurde, sondern von einem Verlag angenommen wurde. Sind also alle anderen Autoren, die auf E-Book- und Books on Demand-Publikationen zurückgreifen keine richtigen Autoren?

Natürlich sind E-Book-Autoren noch ungewohnt und die Skepsis ihnen gegenüber ist groß. Sie veröffentlichen, was sie für richtig und gut halten. Es gibt keine Kontrollinstanz für sie. Sie umgehen die professionellen Einrichtungen. Aber ist das schlecht? Ist es schlecht, selbst für sein eigenes Werk einzustehen? Sollen doch die Leser entscheiden, was gut ist und was nicht. Die Vorstellung ist sehr weit verbreitet, dass ein Autor selbstverständlich einen Verlag haben müsse. Auch dass die Bücher als Print-Medium erhältlich sein müssten, ist ein fest verankertes Bild in den Köpfen der Menschen, wenn es darum geht, einen Autor zu definieren. Darum erscheint es so revolutionär wie Gutenbergs Buchdruck zu sein, dass die neue Generation der Autoren weder Verlage noch Lektoren oder andere Kontroll- und Unterstützungsinstanzen benötigt, um ihre eigenen Texte zu veröffentlichen.

Ich schreibe an dieser Stelle ganz bewusst von der „neuen Generation der Autoren“, da aus meiner Sicht alle Menschen Autoren sind, die schreiben und publizieren – ganz  gleich welches Medium sie zur Veröffentlichung nutzen. Wie jeder andere Autor auch, verbringt ein E-Book-Autor viel Zeit mit dem Recherchieren, Strukturieren und Niederschreiben des Textinhalts. Er gestaltet vielleicht noch das Cover selbst, liest sein Werk Kontrolle und betreibt eigene Werbekampagnen. Ja, E-Book-Autoren sind richtige Autoren. Besser noch: Sie sind richtig unabhängige Autoren.

Unabhängige Autoren sind andere Autoren als Verlagsautoren. Sie sind weder besser noch schlechter als diese. Eine unabhängige Autorenschaft bietet einfach nur andere Möglichkeiten, andere Entwicklungswege und andere Perspektiven als eine konventionelle Autorenschaft. Dies stellt keine Wertung dar. Eine unsachliche Kritik bzw. Vorurteile gegenüber den unabhängigen Autoren ist genauso unangebracht wie unsachgerechte Kritik am Verlagswesen. Letztlich ist es das Können des Autors, das entscheidend ist. Wenn jemand schlecht schreibt, dann wird er als unabhängiger Autor genauso wenig Erfolg haben wie ein Autor, der versucht, sich in Verlagen zu etablieren. Ausnahmen bilden hierbei die gepushten Autoren, die schlecht schreiben, aber durch Fans oder Verlage gepusht werden, weil sie den Zeitgeist irgendwie treffen. Meist spielt dabei aber die Qualität der Werke keine Rolle, sondern andere Dinge, wie z.B. das Auftreten in sozialen Netzwerken, das äußere Erscheinungsbild usw.

Ist es gut, ein unabhängiger Autor zu sein?


Ja und nein! Ja, weil man niemandem unterworfen ist und direkt die Leser ansprechen kann. Nein, weil der Aufwand für den Autor wesentlich höher ist und die Bezeichnung „unabhängiger Autor“ in der Literaturszene einen faden Beigeschmack hat.

Der Weg eines unabhängigen Autors ist schwieriger als der eines Verlagsautors. Er muss sich nicht nur gegen Vorurteile durchsetzen, er muss auch sein eigenes Werk publikationsfähig machen. Das heißt, dass er eventuell zusätzliche Dienstleistungen bezahlen muss, wie zum Beispiel Lektorat oder Illustrationen. Er muss das Werk selbst bekannt machen, also Werbung betreiben, und er muss einen Kontakt zu den Lesern herstellen, was gerade in den Zeiten des Web 2.0 sehr wichtig ist.

Wenn sich ein Autor dazu entscheidet, völlig eigenständig zu publizieren, dann muss er sich in viele technische Themen einarbeiten. Es reicht nicht aus, sich nur in einem Schreibprogramm gut auszukennen. Man muss auch in der Lage sein, den Text in ein vernünftiges E-Book-Format zu setzen. Hat man sich jedoch einmal in diese Materie eingearbeitet und verfügt auch über Kenntnisse in der Bildbearbeitung, steht einer Selbst-Publikation nichts im Weg.

Ich persönlich ziehe eine unabhängige Autorenschaft vor – aber das ist reine Geschmackssache. Ich mag es nicht, mich bei Verlagen „einzukratzen“, auf deren Gunst angewiesen zu sein und deren kapitalistischen Prinzipien folgen zu müssen. Ein Verlag ist ein Geschäft. Darum muss jeder Verlag auch ans Geschäft denken. Verlage haben also darum in erster Linie an Werken Interesse, bei denen sie der Meinung sind, dass diese gut verkauft werden könnten. Da ich selbst nicht das schreibe, was „die Masse“ lesen will (Sorry an dieser Stelle, aber Krimis, Vampire und Liebeschnulzen sind nicht für jeden etwas), bin ich dankbar, den Weg als Indie-Autor gehen zu dürfen.

E-Books als Chance für Neuautoren


Auch wenn es gegenwärtig noch viele Vorurteile gegen E-Books gibt und sowohl Verlage als auch konventionelle Autoren um ihre Existenz bangen, so muss an dieser Stelle mit aller Deutlichkeit gesagt werden, dass der E-Book-Markt eine große Möglichkeit für Neuautoren ist, denn viele Verlage durchsuchen das Internet nach potentiellen „Goldschätzen“, sprich: nach Indie-Autoren, die man in einen Verlag integrieren kann, sofern diese Autoren und deren Werke als gut befunden werden.

Immer wenn etwas „Einmaliges“ zu einem Massenartikel und für die breite Bevölkerung zugänglich gemacht wird, bekommen die bis dahin etablierten Produzenten Panik, weil sie eine Inflation ihrer Produkte sehen. Das war mit der Einführung des Fernsehers mit den Kinobossen so und vermutlich war es bei Gutenberg ebenso der Fall, als dieser dem Buch zum Status eins Massenartikels verholfen hat. So wie man am Ende der 50er Jahre das Ende der Filmbranche gesehen hat („Oh Gott, jetzt hat ja jeder das Kino bei sich zuhause. Niemand muss mehr in unsere Säle kommen und Geld bezahlen.“) so bangt heute der Büchermarkt um seine Existenz. Aber Fernsehserien und Fernsehfilme ersetzen kein Kino. Ebenso ersetzen E-Books keine Print-Bücher. Es handelt sich lediglich um zwei verschiedene Medien mit eigenen Vor- und Nachteilen. Die Sorge der Verlage und Autoren erscheint mir unbegründet. Es ist eine Zeit revolutionärer Veränderungen in der Literaturbranche. Wer die Zeichen der Zeit zu deuten weiß, kann aus diesen Veränderungen schöpfen. Es ist der falsche Zeitpunkt für Zukunftsängste, sinnlose Vorurteile und „Barrikadenkämpfe“. Literatur ist Literatur – ob auf einem Zettel, in einem Block, in einem Tagebuch, in einem 500-Seiten-Roman, auf einem E-Reader, auf einem Smartphone oder auf einem Computer.

Montag, 23. Juli 2012

Wovor hast du Angst?


Wovor hast du Angst?


Wir leben in einem Zeitalter, in der die Angst die Menschen zu Sklaven oberflächlicher Prinzipien und Werte macht.

                                       Bildquellenangabe: Lisa Spreckelmeyer  / pixelio.de

Die Angst gehört zum menschlichen Leben dazu wie der Atem und die Nahrungsaufnahme. Sie ist als ein Grundgefühl fester Bestandteil der menschlichen Existenz. Sie tritt genauso wie die Gefühle der Liebe, des Hasses und der Freude in allen menschlichen Gesellschaften auf und ist kulturunabhängig. Es gibt viele verschiedene Ängste: So gibt es beispielsweise die Angst vor Spinnen, die Angst vor Armut, die Angst vor großen Höhen, Prüfungsangst, Flugangst, Einschlussangst, Verlustangst und auch die Angst vor der Angst. Handelt es sich bei diesen Ängsten um unterschiedliche Ängste oder um ein und dieselbe Angst, die nur in unterschiedlichen Momenten manifestiert wird?

Angst und Furcht


Zunächst lässt sich die Angst als ein Gefühl definieren, welches sich als Besorgnis oder als eine unlustbetonte Aufgeregtheit äußert. Die Angst tritt in Situationen ein, die als bedrohlich für die eigene Existenz empfunden werden. In der Psychologie und in der Philosophie wird eine grundlegende Unterscheidung zwischen „Angst“ und „Furcht“ vorgenommen. Die Angst ist als etwas Objektunabhängiges definiert und die Furcht ist auf ein bestimmtes Objekt bezogen. Die Furcht ist damit ein Gefühl konkreter Bedrohung. Sie lässt sich – anders als die Angst – rational begründen, darum bezeichnet man sie alternativ als „Realangst“. Die Furcht ist auf etwas Konkretes gerichtet und kann benannt werden, die Angst ist dagegen eher unbestimmt. Trotz dieser Unterscheidung sind die Begriffe nicht gänzlich zu trennen. Sie ergänzen einander und gehen fließend ineinander über.
            Nach dieser Unterscheidung lässt sich sagen, dass beispielsweise die Angst, seinen Partner zu verlieren eine Furcht ist, denn sie bezieht sich auf etwas Konkretes, das rational begründet werden kann. Aber die Angst spielt dennoch eine nicht unwesentliche Rolle. Sie ist die „Mutter“ der Furcht, die man jedoch nur erahnen kann – sie ergreift den Menschen in seiner ganzen Existenz.

Die herrschende Meinung der Evolutionsbiologen räumt der Angst eine sehr wichtige Funktion ein. Sie dient demnach als ein Schutzmechanismus, der den Körper in eine Alarmbereitschaft versetzt, in der er vermeintliche Gefahrensituationen erkennen und verlassen kann. Die Angst ist unterschiedlich stark ausgeprägt, in der Regel ist sie aber sehr empfindlich eingestellt, weil übersehene Bedrohungen fatale Konsequenzen nach sich ziehen würden.

Wenn durch Angst permanente Kontrollverluste, Lähmungen und Panikattacken auftreten, spricht man von einer Angststörung. Wenn diese Angststörung mit einem bestimmten Objekt verbunden ist, handelt es sich um eine Phobie – Beispiel: Spinnenphobie.

In diesem Text wird die These vertreten, dass wir uns in einem Zustand der permanenten Angst befinden und gar nicht mehr in der Lage sind, die Alarmanlage auf ein der Umwelt angemessenes Niveau anzupassen. Wir erleben uns in Situationen ständiger Bedrohungen und fürchten uns vor Terror, Geldverlust, Armut, Einsam-Sein und anderen Katastrophen.

Mit der Angst leben, heißt mit der Angst zu sterben


Je mehr wir Freude empfinden, desto verletzlicher werden wir. Je mehr wir dem Vergnügen nachhaschen, desto angreifbarer werden wir, sollte uns das Vergnügen genommen werden. Der Schmerz ist unser ständiger Wegbegleiter. Wir können nicht ohne ihn existieren, möchten wir nicht auf Vergnügen, Freude und Glück verzichten. Darum ist es wichtig, mit diesem Schmerz richtig umzugehen und sich nicht von ihm niederstrecken zu lassen. Gegenwärtig scheint die Strategie der Menschen dahinzugehen, dass sie sich in die Zukunft flüchten, um dem scheinbaren Leid der Gegenwart zu entrinnen. Dabei vergessen sie, dass es überhaupt keine Zukunft gibt, sondern lediglich die Möglichkeit einer Zukunft. Wir leben nur von Augenblick zu Augenblick – die Vergangenheit ist vorbei und die Zukunft noch nicht da. Es ist unser strategisches Kalkül, dass wir uns etwas geschaffen haben, wofür wir glauben, dass es sich zu leben lohne, wofür es sich lohnen würde, Schmerz und Leid in Kauf zu nehmen. Für die einen ist es die Liebe, für die anderen Gott, für andere das Geld und für wieder andere die soziale Anerkennung.

Die Säkularisierung hat zu einem eher pessimistischen Weltbild beigetragen. Früher sah man göttliches Wirken „hinter den Dingen“. Heutzutage scheint es keinen Sinn mehr in der Welt zu geben, ist doch alles endlich, voller Kummer, Leid, Schmerz und Unvollkommenheit. Der Mensch ist ein vernünftiges Wesen und darum wünscht er sich für sein Leben einen vernünftigen Sinn. Diesen findet er – heute mehr denn je – in den Äußerlichkeiten dieser Welt. Die Religion bietet mit ihren Sinnangeboten eine Alternative, ist aber auch auf den Fluchtpunkt „Zukunft“ fixiert, indem vom „ewigen Leben“, vom „Himmelreich“ oder einer „ewigen Ordnung“ gesprochen wird.

Unsere heutige Zeit wird als Informationszeitalter bezeichnet. Der ständige Fluss an Informationen aus aller Welt lassen uns der Idee eines „Weltbürgers“ näher kommen. Der Preis, der gezahlt werden muss, ist hoch: Wir werden ständig mit neuen und aufregenden Informationen konfrontiert, die wir nicht mehr organisieren, ja noch nicht einmal auf einen Nenner, bringen können. Wir erfahren Nachrichten aus den USA, aus dem Iran, wir hören von einem Kriegsbeginn in diesem oder in jenem Land, von Naturkatastrophen in diesen und jenen Gebieten und von Terroranschlägen in diesen und jenen Regionen. Seit längerer Zeit mehren sich auch die Informationen über sogenannte Wirtschaftskrisen in Europa. Damit wird eine existenzielle Angst geschürt, ist doch für uns Europäer die Angst um unser Geld an die Stelle der Angst um unser Brot getreten.
            Wir wissen über so viele Einzelheiten Bescheid und erfahren von so vielen und komplexen Problemen in der Welt, dass uns diese Welt in all ihren Erscheinungen nur noch verwickelter und verknoteter denn je vorkommt. Die Wissenschaft und die Technik haben die Informationsflut entscheidend beschleunigt, so dass sich auch die Intensität der Informationen enorm verstärkt hat. Der Einzelne ist damit überfordert, alle Informationen aufzunehmen und zu verarbeiten. Er kann sie aber nur sehr schwer loslassen, denn scheinbar geben sie ihm Aufschluss über sein individuelles Leben. Darum trägt er sie mit sich rum. Solange diese Informationen nicht losgelassen oder verarbeitet werden, scheint es so, dass sie von Tag zu Tag drohen, in viele kleine Gedanken und Gefühle zu zerspringen, die den Menschen völlig überfordern würden. Daraus erwächst auch das Gefühl der permanenten Unsicherheit, welches uns tagtäglich begegnet.

Mut zur Unsicherheit


Die Vergangenheit hat gezeigt, wie schnell scheinbare Sicherheiten wegbrechen können. Soziale Systeme brachen auf, Familienbanden wurden gebrochen, Partnerschaften gelöst, Glaubensvorstellungen über Bord geworfen, Arbeiten gekündigt, Wohnungen verlassen und Staaten aufgelöst. Die Sicherheiten scheinen immer weniger zu werden. Der Mensch muss „umsatteln“ und sich neue Sicherheiten suchen, an die er sich klammern kann. Fällt ein Partner weg, so sucht man die Sicherheit bei einem nächsten. Kommt man mit dem einem Glauben nicht mehr zurecht, sucht man Halt und Trost in einem anderen. Für viele scheint diese „Hopping-Mentalität“ eine willkommene Loslösung von Bindungen zu sein, denen sie sich mehr verpflichtet als verbunden gefühlt haben. Oftmals bringt die Loslösung von etwas eine kurze Form der Erleichterung, aber das Gefühl einer tiefen und unruhigen Angst lässt nicht lange auf sich warten – schnell braucht man eine neue Sicherheit.

Wenn das Leben wie ein fließender Bach ist, der niemals stoppt, an keinem Felsen anhält, jedes Hindernis umspült, keine Ordnung hat und kein Ziel anstrebt, dann gibt es nichts Beständiges – nur den Wandel, das Immer-Fließende. Aber etwas wie eine Zukunft kann es dann nicht geben, folglich auch keine Hoffnung, die ja meist auf einen Punkt in der Zukunft fixiert ist: „Wird schon wieder besser.“, „Bald ist es vorbei.“, „Als nächstes kaufe ich mir ein Haus.“, „In einem Jahr habe ich meine zweite Million, dann kann ich endlich leben.“ usw. Die Menschen scheinen nur glücklich sein zu können, wenn sie sich eine Zukunft vorstellen können, in der einmal alles besser sein wird als es im Jetzt ist. Der „angenehme Morgen“ drückt sich im „Leben nach dem Tod“ aus, in der Vorstellung, bei dem nächsten Partner glücklich zu werden, in der nächsten Stadt bessere Freunde zu finden usw.

Das Problem mit der „Zukunftsflucht“ liegt in ihr selbst begründet. Ist nämlich der Moment der Hoffnung da, z.B. der ewig ersehnte Partner oder der große Reichtum oder andere Dinge, auf die man al sein Glück projiziert hat, dann fällt es uns sehr schwer, diesen Moment auszukosten. Wir können ihn nicht genießen, denn in uns herrscht die Angst bzw. die Furcht, diesen Moment wieder verlieren zu können. Wenn nicht die Aussicht besteht, den wundervollen Moment aufrechtzuerhalten, scheint der Mensch eine einzige Trauerexistenz zu sein, die nicht in der Lage ist, zu genießen. Hat er etwas erreicht, verlangt er nach dem nächsten – er ist ein ewiger Jäger gefangen in der Vorstellung vom „angenehmen Morgen“. Wenn unser Glück tatsächlich von unserer Zukunft abhängen würde, dann wäre es so als würde vor unserer Nase ein Geldschein hängen und wir würden ihm nachlaufen und jedes Mal, wenn wir nach ihm greifen wollen, rutscht er uns aus der Hand und flattert weiter vor uns her. Wir würden ihn niemals erreichen, so nah er auch scheinen möge.

Wir fürchten uns vor dem Jetzt, denn das würde Unsicherheit bedeuten. Die Zukunft können wir gestalten wie wir wollen, denn sie spielt sich ja nur in unserem Kopf ab. Aber den jetzigen Moment können wir nur so nehmen wie er ist. Unser Zeitalter ist nicht weniger gefährlich und unsicherer als die Zeitalter davor. Schon immer gab es Kriege, Krankheiten, Katastrophen, Verluste usw. Sicherheit war und ist immer nur vorübergehend und scheinbar. Wer sich auf sein Geld als Sicherheit verlässt, kann eines Tages alles durch eine Inflation verlieren. Dies muss nicht eintreten, aber die Angst vor dem Verlust ist da – permanent; also verschließt man sich und sein Geld, man sperrt sich selbst ein, auch weil die Angst vor möglichen Diebstählen da ist. Man errichtet sein eigenes Gefängnis. Ist das Sicherheit? Wer sich dem Gefühl der Sicherheit hingibt, betrügt sich selbst und spielt für sich selbst Theater. Wer denkt, bei seinem Partner ewig geborgen zu sein, wird aus seiner Illusion erwachen, wenn dieser Partner eines Tages verschwunden ist – vielleicht weil er sich getrennt hat oder weil er gestorben ist.

Die Unsicherheit des Lebens machen sich viele Menschen dadurch erträglich, dass sie zu glauben beginnen. Sie glauben an etwas Ewiges, an etwas, das unveränderlich ist – Gott, eine Ordnung, etwas Behütendes und Schützendes. Aber auch das ist nur eine Täuschung, ist es nämlich das menschliche Gehirn selbst, das diese Dinge für uns entwirft. Der Zweifel an religiösen Inhalten und anderen sicherheitsversprechenden Ideologien ist groß. Nicht ohne Grund, denn die Angst kann damit nicht bezwungen werden, höchstens unterdrückt oder verdrängt werden.

Der „Versicherungskult“ ist ein anderes Phänomen, welches deutlich macht, wie sehr die Menschen nach Sicherheit streben. Lebensversicherungen, Rentenversicherungen, Unfallversicherungen, Zahnversicherungen, Hausratversicherungen, Haftpflichtversicherungen, Autoversicherungen, Fahrradversicherungen, Arbeitsunfähigkeitsversicherungen usw. – alles Versuche, um sich bestmöglich gegen irgendeine Form von Verlust und Unsicherheit, zu schützen – zu ver-sichern.. Aber im entscheidenden Moment, dann, wenn alles um den Menschen herumwegfällt, nützen auch die besten Versicherungen nichts. Der Mensch ist und bleibt in seinem Leben unsicher – ganz gleich, welche Erfindungen er noch hervorbringen mag.

Die Versuche, dem eigenen Leben Sicherheit zu verleihen gehen darauf zurück, dass man dem eigenen Leben einen gewissen Wert und eine bestimmte Bedeutung beimisst. Man klammert sich an seine eigene Existenz und will über das eigene Leben die Kontrolle haben. Dieses Verhalten geht nur zum Teil auf die im Menschen wohnende Angst vor dem bedeutungslosen Nichts zurück. Vieles wird auch innerhalb der Gesellschaft, besonders in einer Konsumgesellschaft, versprochen, was mehr Sicherheit für das eigene Leben garantieren soll. Dass dahinter einzig ein Gewinnstreben der großen Konzerne steht, muss an dieser Stelle nicht hinterfragt werden. Eine Steigerung dieser Versprechen ist die Idee, dass das Leben eh sinnlos und endlich sei und dass man es darum „jetzt“ total genießen müsse. Alte und traditionsreiche Forderungen wie „Carpe diem“, die im Kontext einer ganz speziellen Weltanschauung standen, werden über Fitnessstudios und Cocktailbars gehängt, um zu verdeutlichen, dass man dort den Tag genießen könne.

Solange wir versuchen, unserem Leben Sicherheit zu geben, sprich dem Leben eine feste Bezugsgröße zu geben, können wir unser eigenes Leben nicht annehmen. Kann man einen Fluss in einem Holzkübel einfangen? Um den Fluss in seiner Gänze zu begreifen, muss man mit dem Strom gehen, nicht am Ufer stehen bleiben und kläglich versuchen, die vorbeiziehenden Wassermengen festzuhalten. Wir müssen unser Leben bzw. unsere scheinbare Kontrolle, die wir meinen über es zu haben, loslassen. In unserem Zeitalter sind viele tradierte Sicherheiten weggebrochen, die neuen Angebote driften nur an der Oberfläche und beziehen sich auf die Äußerlichkeiten, sie gehen nicht in die Tiefe des einzelnen Lebens. Dies ist zwar einerseits bedenklich, andererseits ermöglicht uns diese Situation aber die Konfrontation mit unserer Wirklichkeit. Statt das Wasser immer wieder aufzuwirbeln, kann es sich so beruhigen und wir können durch diese Klarheit hindurch auf den Grund unseres Seins blicken – völlig unverkrampft und nüchtern.

Erlaube dir Unsicherheit


Sicherheit im Reichtum öffnet die Tür für die Furcht vor dem finanziellen Ruin.

Sicherheit in der Partnerschaft öffnet die Tür für die Furcht vor dem Verlust des Partners.

Sicherheit in Gott öffnet die Tür für die Furcht vor der Gottesverlassenheit.

Sicherheit in einer Regierung öffnet die Tür für die Furcht vor einem Umsturz.

Sicherheit in Gesellschaft öffnet die Tür für die Furcht vor der Einsamkeit

Man kann es drehen und wenden wie man will: Jeder Versuch, sich Sicherheit zu verschaffen ist nichts weiter als das Hochziehen einer Mauer hinter der man sich selbst einsperrt. Statt dem Leben mit allen Risiken, die es in sich trägt, zu begegnen, verkriechen wir uns lieber hinter Mauern, die beim nächsten Windstoß über uns zusammenstürzen und uns unter sich begraben.

Für ein Leben in der Informationsgesellschaft, in der man immer mehr und immer schneller Informationen erhält und verarbeitet, benötigen wir keinen Fixpunkt, der uns eine scheinbare Sicherheit verleiht. Wir benötigen einzig Vertrauen, uns in den Fluss des Lebens zu werfen und uns treiben zu lassen. Das Vertrauen selbst ist kein Fixpunkt, auf den man sich konzentrieren kann, denn entweder ist es im Moment da oder es ist nicht da. Es ergreifen zu wollen, heißt es zu verlieren. Die Unsicherheit ist immer da. Statt sie zu verdrängen, sollten wir sie annehmen. Statt uns absichern zu wollen, sollten wir uns hingeben. Statt zu flüchten, sollten wir innehalten.

Die Angst gehört zum menschlichen Leben dazu wie der Atem und die Nahrungsaufnahme. Das Vertrauen aber auch!

Sonntag, 1. Juli 2012

Einsam





Die Krähen schrei’n und fliegen raschen Fluges übers Moor hinweg.
Bald wird es stürmen, bald wird es donnern – bald schlagen die Blitze und brechen die Bäume.
Wohl dem, der jetzt noch Heimat hat.

Doch du stehst da, schaust vorwärts, schaust rückwärts.
Du drehst dich im Kreise, siehst die Krähen zieh’n.
Einsam bleibst du stehen – einsam, einsam, einsam.

Was bist du Narr zu dieser Zeit gefloh’n?
Was hat dich hinaus getrieben zu
Sturmes Zeit und Krähensang?

Die Welt – ein Weg in tausend Wälder, stumm und kalt.
Wer das verlor, was du verlorst, macht nirgends Halt.
Nun stehst du da – bleich und kalt und hörst der Krähen Ruf.

Flieh, du Narr, flieh bevor die Krähen ferngezogen sind.
Sieh nicht umher, blick nicht nach oben – flieh!
Versteck dein blutend Herz in Eis und Dreck.

Die Krähen schrei’n und fliegen raschen Fluges übers Moor hinweg.
Bald wird es stürmen, bald wird es donnern – bald schlagen die Blitze und brechen die Bäume.
Wehe dem, der jetzt noch Heimat hat.

Vernehmung des Selbst




Wer bist du?
- Ich bin das Selbst!
Wie alt bist du?
- Das weiß ich nicht.
Wo bist du wohnhaft?
- Ich lebe in der Tiefe.
Hast du Verwandte?
- Nein, ich lebe allein.
Bist du verheiratet?
- Nein!
Welchen Schulabschluss hast du?
- Keinen!
Was übst du beruflich aus?
- Mein Beruf ist Berufung.
Womit verdienst du dein Geld?
- Ich brauche kein Geld.
Wie ernährst du dich?
- Ich werde ernährt.
Nochmal: Wie alt bist du?
- Ich weiß es nicht.
Was hast du zum Zeitpunkt der Tat getan?
- Nichts. Ich habe geschlafen.
Gibt es dafür irgendwelche Zeugen?
- Nein! Ich war allein.
Jemand hat dich am Tatort gesehen.
Er sagt aus, dass du das Opfer in den Abgrund gestoßen hättest.
- Wer will so etwas behaupten?
Das werde ich dir nicht verraten. Warst du zum Tatzeitpunkt am Tatort und hast diesen Mann von der Klippe gestoßen?
- Nein!
Verdammt! Wir haben einen Zeugen; er ist bereit, vor Gericht gegen dich auszusagen. Was war los? Hattet ihr Streit? Wolltest du was von ihm? Hat er dich bedrängt?
- Nein!
Willst du mir sagen, dass er aus Versehen in die Tiefe gestürzt ist?
- Ich war nicht am Tatort. Ich habe geschlafen.
Tut mir leid. Das kauf ich dir nicht ab. Deine letzte Chance: Hast du ihn gestoßen?
- Vielleicht.
Was heißt denn nun „vielleicht“? Warst du es oder warst du es nicht?
- Nein, ich war es nicht.
Aber du warst am Tatort?
- Vielleicht.
Um Himmels Willen. Höre mit diesen „vielleichts“ auf. Was war los? Wieso musste er sterben?
- Er ist nicht tot.
Nur weil wir keine Leiche gefunden haben, bedeutet das nicht, dass er noch lebt. Solch einen Sturz kann man nicht überleben.
- Doch, genauso einen Sturz kann man überleben – man muss ihn sogar überleben.
Hast du zugestoßen?
- Nein!
Hast du ihn genötigt, zu springen?
- Nein!
Der Zeuge sagt aus, dass er gesehen hätte, wie ihr euch gestritten habt.
- Ja, wir stritten uns.
Worum ging es in diesem Streit?
- Darum, wer Recht haben würde.
Und? Wer von euch hatte Recht?
- Wir beide.
Weißt du, wo wir die Leiche finden können?
- Es gibt keine Leiche. Er lebt.
Dann sag uns, wo wir ihn finden. Damit wärest du entlastet.
- Das kann ich nicht sagen. Würden Sie ihn finden, würden Sie ihn töten, um mich schuldig zu sprechen.
Was für ein Unsinn. Niemand will dich schuldig sprechen. Es geht einzig um Beweise.
- Um Ihre Beweise. Sie glauben mir nicht. Aber das müssen Sie auch nicht. Ich habe nichts verbrochen.
Das sehe ich anders. Du warst zum Tatzeitpunkt am Tatort, wurdest gesehen, hast es erst geleugnet und jetzt sprichst du davon, dass es keine Leiche geben würde. Ich muss dich hier behalten.
- Er lebt. Das ist das einzige, was ich sagen kann und sagen will.