Samstag, 30. Juni 2012

Sturmstrophen




Geschaffen bist du im Getöse,
und gehütet wohl im Auge des Sturmes,
in den Winden verhüllt
und mit Wolken bedeckt.
Komm heraus und zeige dich!

In stürmender Nacht,
bei schwarzem Himmel,
in Kälte und peitschenden Tropfen,
zerreiß meine Haut und lass meine Seele fliegen.
Lass wirbeln deine Arme, lass stürmen deine Macht.

Nie sah ich zuvor,
ob fern ich zog,
solch Gebilde über Welten wandern.
Sieben Winter saß ich,
im achten kam die Sehnsucht, im neunten die Not.

Ins Weidwerk will ich fliehen,
dem Wetterauge entkommen.
Doch hab ich’s gerufen, in Wolfstälern zu wüten,
um Gesteine zu sprengen und Bäume zu fällen.
Fliehen kann ich nicht.

Feg hinweg, was dir im Weg!
Lass fliegen, was auf Erden wandeln will!
Lass toben, was Ruhe sucht!
Feg hinweg das Haus der Unerbittlichen!

Nimm mich auf, lass mich toben,
schreien, fallen und fliegen.

Mittwoch, 27. Juni 2012

Was ich erreicht





Was ich erreicht

Was ich erreicht, das soll ich lassen?
Das soll ich verbrennen und verhassen?
Wie kann ich das nur tun?
Komm! Geh du erst mal in meinen Schuh’n.

Was ich erreicht, das will ich halten,
will es hüten mit allen Gewalten.
Es ist mein
und ich bin sein.

Was ich erreicht, das ist mein Leben,
will und kann es nicht vergeben.
Es soll ewig dauern,
drum errichte ich die Mauern.

Was ich erreicht, das muss auch schwinden,
ich kann drum weinen und mich schinden,
doch was gehen muss, muss geh‘n,
da hilft kein Jammern und kein Fleh’n.

Was ich erreicht, das reiß ich ein,
brech‘ es ab für neuen Keim.
Ich schaffe Platz für neues Leben,
will mich nämlich ganz erleben.




Bildquelle: Rike  / pixelio.de

Heiliges Land




Heiliges Land

Geheiligt bist du, meine Muttererde,
du fester Boden unter wankenden Beinen.
Du kleine Welt in der großen,
du Großes im Kleinen.

Wie lieb bist du mir, mein Erdenschatz,
in dir will ich graben, meine Hoffnung säen
und meinen Kummer mit einem Hauch deiner Heiligkeit verdecken.
Du fester Boden, heil’ges Land, auf dir gehe ich – auf dir falle ich.

Du bist mein Garten, mein eigen Land,
trägst Früchte jedes Jahr, spendest Schatten im Sommer,
hältst im Winter deinen Schlaf.
Umzäunt und geschützt bist du - meine Muttererde.

Ihr Götter der Natur, in euren Hallen bete ich,
in eurer Sprache spreche ich;
habt mir anvertraut dieses Stück Muttererde,
damit ich ganz und gar zum Boden werde.

Fruchtbar will ich sein, Früchte will ich tragen.
Blumen will ich wachsen lassen, hohe Bäume
Schatten geben. Zur Natur will ich werden –
heil’ges Land für andre sein.

Dienstag, 26. Juni 2012

Zwangseinweisung



Sie sehen mich mit ihren Blicken,
werfen mich in ihre Zellen,
diagnostizieren ihre Krankheiten
und legen ihre Maßstäbe an mich an.
Sie zwängen mich in ihr System,
werfen mir die Jacke über,
verurteilen mich und halten mich unter ihnen.

Ihre kalten Blicke – alle gleich, alle tot.
Die harten Schultern tragen Schuld, tragen Fessel.
Die festen Arme, bereit zum Zupacken, sind zerkratzt,
zerkratzt von der Verzweiflung ihrer Opfer.
Die Beine, im Gleichschritt laufend, treten zu,
treten in den Körper freier Seelen.

Nun liege ich ans Bett gekettet,
kann nur noch verschwommen sehen.
Meine Wirklichkeit wird mir genommen,
meine Sinne werden mir geraubt.
Hier muss ich bleiben, hier muss ich sterben
- weil ich anders bin als sie.

Ich flehe: Ich bin nicht verrückt.
Ich sehe klar und rein. Warum glaubt ihr mir nicht?
Elektroschocks und Spritzen – Knebel hindern mich am Sprechen.
Wehrlos und gebrochen lässt man mich zurück. Nein! Ich bin nicht verrückt.

Ich will hier raus – endlich in meine Welt.
Meine Freiheit spüren – meine Wirklichkeit leben.
Wieder die Spritzen, wieder die Schmerzen – ich muss in ihrer Welt bleiben.
Ich probe Aufstand, will die Rebellion, doch niemand ist da,
niemand gegen den ich rebellieren könnte.

Nur weiße Wände und eine rotgefärbte Matratze – kein Licht, kein Leben.
Gegen euch richte ich meinen Aufstand, euch will ich bekämpfen;
Schlag meinen Kopf gegen die Wand, zerreiße die Matratze
- Symbole der unfreiwilligen Anpassung, Unterdrückung und Fremdherrschaft.
Ich schlag sie kurz und klein.

Die Tür fliegt auf,
die Beine kommen, die Schultern tragen, die Arme halten.
Ruhiggestellt und zwangsbetreut, denn nun steht es fest:
Ich bin verrückt.

Entscheidung für mein Leben


Noch bevor ich in diese Welt hineingeboren,
ward mir gezeigt, welch‘ Leben ich annehmen würde.
Ich sah den Kummer, das Leid, die Schmerzen.
Ich sah meinen Zorn, meine Machtlosigkeit und mein Weh.
Da waren Irrtum, Fehlentscheidungen, Hass, Stolz und Verzweiflung.
Mein Kreuz wurde mir gezeigt – und ich nahm es an, noch bevor es zu meinem Kreuz werden sollte.

Mir wurden aber auch die Freuden jenes Lebens gezeigt: die lichtvollen Augenblicke in der Wirklichkeit, die malerischen Landschaften meiner Träume, die Hingabe ans Leben. Ich sah, wie aus Trauer Freude, aus Schmerz Liebe und aus Zorn Vergebung erwuchsen. Dieses Leben, wahrlich dieses eine Leben, will ich annehmen – mein Kreuz.

Man zeigte mir das Übel und das Gute, das Kleine und das Große. Mir wurde das Wasser meines Lebens gezeigt, von der Quelle bis zum Ozean – ich wurde zum Fluss. Mir wurden meine Wunden gezeigt - mein Blut musste ich schmecken noch bevor ich bluten konnte. Man ließ mich meine Wunden lecken – ich sah, wie sie verheilen würden. Mein ganzes Leben wurde mir gezeigt, hier hoch oben im All, beim Weltgeist, fern der Menschenschar.

„Ja, dieses Leben will ich nehmen.
Ich will das Kreuz tragen – es wird mich nicht erdrücken.
Was ich trage – das trägt auch mich.“
So sagte ich bevor ich in diese Welt geboren wurde.

Montag, 25. Juni 2012

Viel-leicht


Vielleicht scheint uns alles falsch und widersinnig, wenn wir gebrechlich und müde sind, jede Regung will zu Kummer werden, jeder Kampf ein verlorener sein. Jede Freude erstickt an sich selbst, will und kann nicht sein. Vielleicht lauschen wir der fernen Glocken, blicken in die Fremde, ins Weite weit hinaus – vielleicht kommt von dort neues Glück herbei.  Doch kein Glück kommt an uns heran, keine Freude will bei uns weilen – kein Glück will von außen sein. Viel und leicht gelingt das Glück, blicken wir ins eigne Wesen. Vieles wird leicht und Leichtes wird viel – neue Freude, neues Glück und neue Kraft – im Innern liegen sie, im Innern wachsen sie. Viel-leicht!

Der Liebes Sehnsucht Trauerschleier



Du kamst zu mir wie Blütenschneien,
kamst als Beben und als Sturm,
hast zerbrochen meine alten Gitter,
zu errichten tausend neue.

Das war wahrlich mein schwerster Tag,
mir zu gestehen: Ich liebe dich,
und dich zugleich gehen zu lassen.
Die Liebe ist frei hinter tausend Gittern.

Noch spüre ich dein Lachen,
doch es verblasst hinter Mondesschein,
nimmt ab und schwebt davon,
lässt mich zurück mit tausend Tränen, die nicht trocknen.

Im Traume habe ich dich längst gesehen,
erwartet hat dich auch mein Herz.
Erzähle mir von dir, oh du fremde Seele,
sage mir: Wer bist du und was willst du bloß von mir?

Du gehst hinfort, hinaus aus meiner Welt
Mich zu retten? Mich zu finden?
Ich weiß, du bist nicht fort,
bist in mir – vergraben und beschützt.

Aus der Ferne haben wir uns einst entdeckt,
unsere Herzen getauscht und in Sinnlichkeit geliebt. 
Wie fern scheinst du mir nun, so unantastbar zu sein …
- Eine Perle auf dem Grund meines tiefen Seelenmeeres.

Freitag, 22. Juni 2012

Die Wahrheit des Dao




Die Wahrheit des Dao
Der peinlichen Daoismus

In einem fernen Lande, weit im Osten, dort wo die große Mauer steht,
da leben Märchen, Legenden und Mythen – aber auch der Geschäftssinn.
Menschen in weißen Roben, mit Knoten im Haar und scheinbarer Weisheit im Auge.
Sie predigen das große Dao, die Vollendung - und sie haben ihre Schüler.

Im Westen sehnt man sich nach Sinn und Sein. Zu spät der Blick auf eigne Wurzeln, die unter einem abgeschlagen sind – man schaut auf eine andere Welt, eine Welt
die es gar nicht gibt. Man entdeckt die Menschen in weißen Roben, mit Knoten im Haar und scheinbarer Weisheit im Auge. Oh arme Menschenkinder, seid auf der Hut, denn Heuchelei, dein Name ist Dao.

Wie schön ist doch jene Welt, jene Fantasie vom gelassenen Krieger, vom Helden der Gezeiten, vom Unerschütterlichen, vom naturverbundenen Mönchlein in weißer Robe, mit Knoten im Haar und scheinbarer Weisheit im Auge. Der Traum wird lebendig, falsche Götter inthronisiert, die Herzen rasen, das Dao ist geweckt – nein, nur einmal mehr der Glaube an etwas, das Sicherheit verspricht.

Hohe Berge, dichte Wolken, alte Klöster – alles stimmt.
Lange Pfade, steile Treppen, alter Glaube – alles stimmt.
Götzendienst, Räucherstäbchen, Ahnenkult – alles stimmt.
Alte Weisheit, alte Sekten, alte Sitten – alles stimmt.

Oh Mensch gib Acht, gib Acht auf dein Herz – vergiften tun es andere, doch daran sterben wirst nur du. Die Hoffnung nach Erfüllung, der Glaube, etwas Heiliges gefunden zu haben. Lass nicht zu, dass jene dir die Welt verbiegen, jene Menschen in weißen Roben, mit Knoten im Haar und scheinbarer Weisheit im Auge.

Dein Traum muss platzen, damit du sehen kannst,
damit du sehen kannst,
dass Berge nur Berge und Roben nur Roben sind.

Wem willst du vertrauen, wem deinen Glauben schenken?
Fall nicht drauf rein, lass dich nicht blenden von der Äußerlichkeit in weißer Robe, mit Knoten im Haar und scheinbarer Weisheit im Auge.

Samstag, 16. Juni 2012

Wenn die Wolken ziehen

 
Wenn die Wolken ziehen, der Sommer sich dem Ende neigt,
wenn die Blätter fallen und die Vögel dieses Land verlassen,
wenn der Abend früher dunkelt, die Menschen müde werden,
wenn der Boden sich verhärtet, die letzten Halme sterben,
dann weißt du, dass etwas Neues beginnen wird.

Wenn die Wolken ziehen, das Eis den See bedeckt,
wenn Wasser gefriert und der weiße Schnee die ruhige Natur bedeckt,
wenn der Mond so hell und klar zu sehen ist,
wenn der Frost in den Knochen sitzt,
dann weißt du, dass etwas Neues beginnen wird.

Wenn die Wolken ziehen, die ersten Knospen sprießen,
wenn die warme Luft gleich einem Schleier deinen Körper umhüllt,
wenn die Tage länger werden und das Wasser zu fließen beginnt,
wenn alte Äste Blätter kriegen und die Frühlingsgötter zum Tanze bitten,
dann weißt du, dass etwas Neues beginnen wird.

Wenn die Wolken ziehen, die Sonne hoch am Himmel steht,
wenn die Felder die Natur erfüllen und alles so lebendig ist,
wenn der Singvogel in deinem Herzen sitzt und du seine Klänge spürst,
wenn du in das Wasser springst, eintauchst und die Wärme liebst,
dann weißt du, dass etwas Neues beginnen wird.





Bildquellenangabe: Gerhard Hermes  / pixelio.de