Montag, 21. Mai 2012

Der Prophet




Geboren aus Fleisch,
geschaffen aus Unendlichkeit.
Gelobt von den Göttern,
verhasst unter den Menschen.

Adora quod incendisti, incende quod adorasti.

Feuerzungen flüstern mir das Leid der Welt,
Feuer spucken sie mir ins Gesicht,
Feuer schlägt meine Seele nieder.
Feuerzungen schreien mich zu Tode.

Quem di diligunt adulescens moritur.

Warum sehe ich all die Qualen?
Diese Last – die Knochen bricht.
Helft mir doch mein Schicksal tragen.
Die Visionen sind zu schwer für mich.

Post nubila phoebus.

Am Abgrund stehe ich,
am Abgrund sehe ich,
am Abgrund weine ich,
am Abgrund sterbe ich.

Periculum in mora.

Kummer, Schmerz und Leid,
all die Plagen sehe ich.
Euch helfen kann ich nicht,
bin gefesselt an mein Augenlicht.

Per omnia saecula saeculorum.

Ich bin der Prophet,
der, der die Zeichen sieht,
der, der am Abgrund steht,
der, an dem die Geister brechen.

Oremus.

Dämonen stellen sich mir in den Weg,
falsche Götter wollen mein Leben,
Höllenhunde mich reißen,
Ungeheuer verschlingen.

Nuda veritas.

Die Meere fluten,
die Berge brechen,
die Städte versinken,
die Vögel fallen vom Himmel.

Mors ultima linea rerum est.

Samstag, 19. Mai 2012

Am Bahnhof




Am Bahnhof

Mit Gepäck aus vergangenen Tagen und einer Skizze von meinem nächsten Aufenthaltsort Utopia stehe ich am Bahngleis 5 und warte auf meinen Zug. Eigentlich sollte er schon längst eingefahren sein, aber er scheint sich zu verspäten. Macht nichts. Ich werde einfach warten. Was bleibt mir auch anderes übrig?

Wieso bin ich eigentlich der einzige, der am Bahngleis 5 wartet? Drüben bei den anderen Gleisen 1 bis 4 und 6 bis 9 warten überall Menschen. Nur ich stehe hier allein am Bahngleis 5. Vielleicht habe ich mich mit dem Gleis geirrt? Was, wenn mein Zug auf einem anderen Gleis eintreffen wird oder gar schon längst eingetroffen ist? Ich darf ihn nicht verpassen. Moment, ich habe in meinem Gepäck noch die Fahrkarte, da steht drauf, auf welchem Gleis der Zug kommen wird. Bahngleis 5 – da steht es, schwarz auf weiß. Gut! Aber warum kommt er dann nicht? Wieso stehen die anderen Menschen an den anderen Gleisen. Sie scheinen sich sehr sicher zu sein. Vielleicht kommt mein Zug ja doch nicht auf Gleis 5. Was, wenn sich inzwischen was an dem Fahrplan geändert hat? Ich muss das wissen! Ich muss meinen Zug erreichen! Unbedingt!

Wohin würde man einen Zug umlenken, der ursprünglich auf Bahngleis 5 einfahren sollte? Genau: auf das Gleis 4 oder 6. Eines der beiden Gleise wird schon das richtige sein. Gut! Dann werde ich zum Bahngleis 4 gehen. Kann mein Gepäck kaum noch tragen – ist so schwer und sperrig.

Auf Gleis 4 ist es zumindest voller als auf Gleis 5, wo nun niemand mehr steht. Die Menschen haben sich versammelt, sie alle warten. Was höre ich da? Ein Zug! Vielleicht ist es ja meiner.

„Entschuldigen Sie, werter Herr. Können Sie mir sagen, wo der Zug hinfährt?“
- „Nach Outremer.“

Der Zug hält, die Fahrgäste steigen aus und ungefähr die Hälfte der wartenden Menschen steigt in den Zug ein. Ich nicht! Ich will nicht nach Outremer, mein Ziel ist Utopia. Vielleicht kommt ja nach diesem Zug noch einer eingefahren. Auf Gleis 5 ist immer noch nichts passiert – kein Zug, keine Menschen; total verlassen.

Noch ein Zug kommt auf Gleis 4 herangefahren. Wieder steigen die Menschen wie selbstverständlich ein und aus. Niemand von diesen scheint sich Sorgen zu machen, in den falschen Zug zu steigen. Niemand bleibt verwirrt am Bahngleis stehen und fragt sich, ob dieser Zug ihn überhaupt an sein Ziel bringen würde. Nur ich, nur ich stehe am Bahngleis, halte mein Gepäck aus vergangenen Zeiten und suche nach meinem Zug.

Ich werde mein Glück auf Gleis 6 probieren. Da stehen noch mehr Menschen als auf Gleis 4 und ich kann auch von dort das Gleis 5 beobachten. Apropos Gleis 5: immer noch kein Mensch und immer noch kein Zug. Ich muss weiter.

„Bahngleis 6. Bitte zurücktreten. Der Zug nach Buchhaim wird in wenigen Sekunden eintreffen.“

Buchhaim? Was? Ich muss nach Utopia! Der Zug auf Gleis 6 fährt pünktlich ein. Wieder steigen die Menschen aus und andere steigen ein, sicher und selbstbewusst – frei von jedem Zweifel. Sie kennen ihre Ziele und sie wissen, welche Züge sie nehmen müssen, um diese Ziele zu erreichen.

Mein Gepäck bringt mich noch um. Diese Rückenschmerzen sind furchtbar. Aber ich kann es nicht ablegen, nicht hier, nicht jetzt. Es dauert sicher nicht mehr lange und mein Zug wird mich abholen kommen. Bestimmt! Also auf meiner Fahrkarte steht ganz klar und deutlich, dass ich am Bahngleis 5 warten muss. Da steht es, gleich neben der Uhrzeit. Ah! Eine Schaffnerin!

„Entschuldigen Sie, können Sie mir sagen, was mit dem Zug nach Utopia los ist? Er scheint sich zu verspäten.“
- „Wie kommen Sie darauf? Er ist pünktlich eingefahren. Haben Sie ihn etwa nicht gesehen?“
„Nein, gesehen habe ich ihn nicht. Kann ich denn einen Zug später nehmen?“
- „Selbstverständlich. Beeilen Sie sich, der nächste Zug wird auf Gleis 5 in wenigen Minuten anhalten.“
„Vielen Dank!“

Also wieder zurück auf Gleis 5. Ich kann nicht mehr. Das Gepäck wird immer schwerer und schwerer. Ablegen kann ich es nicht; nicht jetzt, nicht hier.

So, da wäre ich also wieder auf Gleis 5. Kein Mensch zu sehen, kein Zug zu hören. Die Schaffnerin meinte, er würde gleich kommen. Gut! Dann warte ich hier solange. Was, wenn sie sich getäuscht hat? Vielleicht meinte sie ja ein völlig anderes Gleis? Vielleicht gibt es sogar mehrere Züge, die nach Utopia fahren? Ich muss mich vergewissern: Vorne am Hauptschalter gibt es einen großen Fahrplan, den werde ich mir jetzt noch rasch ansehen.

So – Gleis 5, Gleis 5, ah, da: Gleis 5.Die Züge fahren regelmäßig aller einer halben Stunde. Seltsam, wieso habe ich dann noch keinen gesehen?

„Bahngleis 5. Bitte zurücktreten. Der Zug nach Utopia wird in wenigen Sekunden eintreffen.“

Ja! Endlich! Schnell! Der Zug kommt. Auf geht’s zum Gleis 6. Oder war es doch 5? 4 ist näher! Nochmal nachschauen! Ah! Ok! Gleis 5 – da steht es und die Stimme aus dem Lautsprecher hat es richtig angekündigt. Jetzt kann nichts mehr schief gehen.

Der Schaffner winkt mir bereits entgegen. Verdammtes Gepäck. Ich brauch zu lange. Aber ablegen kann ich es nicht, nicht hier, nicht jetzt. So! Am Zug! Geschafft! Das Pfeifen ertönt, die Motoren werden angefeuert. Eine Tür ist noch offen, versuche hektisch hineinzukommen. Mein Gepäck, es ist zu sperrig für die kleine Tür. Ich kann nicht hindurch. Ach, mein Utopia – wie fern bist du mir. Mein Gepäck kann ich nicht loslassen, nicht hier, nicht jetzt. 



Bildquelle: Bettina Heiroth / www.pixelio.de

Mittwoch, 9. Mai 2012

Die Münze des Schicksals


Eine kleine Begebenheit aus der Zeit des Ersten Weltkrieges.



Ich möchte gern eine kleine Geschichte niederschreiben, die in unserer Familie bisher nur mündlich überliefert wurde. Sie handelt von meinem Urgroßvater, der am Ersten Weltkrieg als Soldat teilgenommen hat. Er war damals 25 Jahre jung und musste schon viele Kameraden sterben sehen. Er sah sowohl die Kameraden auf seiner Seite fallen als auch die Kameraden auf der sogenannten feindlichen Seite. Mein Urgroßvater musste sich durch Schützengräben kämpfen, Gasangriffe überstehen, Kanonenbeschüsse überleben und sich im Nahkampf gegen die feindlichen Männer behaupten. Da er schon oft ausweglose Situationen überleben konnte und sich selbst auch schon aus der Gefangenschaft befreien konnte, wurde er rasch zum Feldwebel ernannt. Zugleich war er der Adjutant seines Einheitenführers. Seine Aufgabe bestand darin, den Kontakt zwischen den Befehlshabern und den Truppen aufrechtzuerhalten. Zudem durfte er an strategischen Beratungen teilnehmen.

Seine Einheit war 1916 vor Verdun stationiert. Hier tobte der Krieg wie nirgendwo anders. Die Franzosen kämpften erbittert gegen den deutschen Vorstoß und die Deutschen stritten mit allen Mitteln gegen den „Welscher“. Mein Urgroßvater war mit seiner Einheit von den größeren Heereskontingenten des Deutschen Reiches abgeschnitten. Er lag mit seinen Kameraden irgendwo unter dem Fort Vaux. Dort hielt sich die kleine Einheit versteckt. Sie waren in dieser Gegend stationiert worden, um feindliche Bewegungen auszumachen. Ein Missverständnis in der Kommunikation hat jedoch dazu geführt, dass die Einheit dort liegen bleiben musste. Eigentlich sollten die Soldaten abgeholt werden, aber kein Transporter kam so nah heran, da man alle Einsatzwagen an anderen Frontabschnitten benötigte. Daher beschloss der Truppenführer in Stellung zu bleiben und sich so unauffällig wie möglich zu verhalten. Nachdem einige Tage vergangen waren, der Kontakt zum Hauptquartier erfolglos war und Späher feindliche Truppen in Anmarsch bemerkten, beschloss der der Zugführer ins Gefecht zu ziehen.

Zunächst weihte er niemanden in seinen Plan ein, da er wusste, dass die Männer sich weigern würden, in so kleiner Zahl an einem offenen Kampf teilzunehmen. Daher war es die Aufgabe meines Urgroßvaters, den Soldaten diese Botschaft zu überbringen. Er sollte es so leicht wie möglich erklären und vor allem für Verständnis bei den Männern sorgen. Diese reagierten mit Entsetzen, Angst und Panik. Es waren viele junge Männer dabei, Familienväter, Söhne, Brüder, die ihre Familie wiedersehen wollten. Mein Urgroßvater teilte dem Zugführer das Unbehagen der Soldaten mit. Den Zugführer wunderte es nicht, dass seine Männer boykottierten, denn auch ihm war der Gedanke unwohl, mit circa 30 Mann gegen einen viel größeren feindlichen Verband zu ziehen, doch die Lage machte es notwendig. Der Zug saß mitten im feindlichen Gebiet, ringsherum tummelten sich die französischen Soldaten auf der Suche nach zurückgebliebenen deutschen Soldaten und Panzer bezogen Stellung. Der deutsche Zugführer wusste um den Ernst der Lage: Wenn nicht innerhalb der nächsten 24 Stunden ein Ausbruch gewagt werden würde, würde jeder einzelne Deutsche entweder erschossen oder in Kriegsgefangenschaft geführt werden. Nachdenklich blickte er immer wieder auf seine strategische Karte, um doch noch einen einfachen und vor allem sicheren Ausweg zu finden. Auch mein Urgroßvater sah auf die Karte. Er durfte dem Zugführer schon öfters beratend zur Seite stehen. Auch dieses Mal wurde mein Urgroßvater vom Zugführer um Rat gefragt, aber auch dieser sah keine andere Möglichkeit, als einen schnellstmöglichen Ausbruch, um wieder zu den eigenen Truppen stoßen zu können.

Der Zugführer war verzweifelt, denn er wusste, dass dieser Rettungsversuch nur gelingen könnte, wenn alle Männer dafür bereit waren, doch im Moment seiner Verzweiflung waren alle Soldaten ängstlich und hilflos. Da der Zugführer großes Verständnis für seine Soldaten hatte, wollte er sie auch nicht in den Kampf befehlen. Er wollte, dass sie freiwillig den Kampf aufnehmen würden. Er sah in die Augen jedes Einzelnen, er sah ihre traurigen, unsicheren Blicke, ihre Panik, ihre Todesangst. Der Zugführer wusste, dass es nur Sinn machen würde, zu kämpfen, wenn die Soldaten ihre Angst vergessen würden. Da alle Männer seines Zuges gläubige Christen waren, beschloss er, den Glauben als stärkste Waffe zu nutzen.

In aller Hektik bastelte der Zugführer ein großes Holzkreuz, er legte seine kleine Taschenbibel darunter und befestigte das Eiserne Kreuz, welches er sich in einer anderen Schlacht verdient hatte, am Stamm des Kreuzes. Er rief alle Soldaten, einschließlich der Späher und meines Urgroßvaters, an den notdürftig hergerichteten Altar. Der Zugführer erklärte mit selbstbewusster Stimme: „Männer, ich weiß um eure Sorgen, um eure Ängste und um eure Familien. Ich weiß um euren tiefen Glauben und um eure Hoffnung, dieses Schlachtfeld lebend zu verlassen. Ich bin für euer Leben genauso verantwortlich, wie ihr für das meinige. Doch Gott ist für unser aller Leben verantwortlich. Ihn werde ich um Hilfe bitten. Der Allmächtige soll uns seinen Beistand schenken, uns erretten aus dieser Lage und uns hinführen in ein friedliches Leben. Ich werde Jesus Christus um Hilfe anrufen, dann werde ich eine Münze werfen. Fällt die Münze mit der Kopfseite nach oben, so werden wir siegen, fällt jedoch die Zahl nach oben, werden wir verlieren. Wir vertrauen der Allmacht unseres Schöpfers, wir geben uns dem Schicksal hin.“ Der Zugführer nahm eine Münze und warf sie in die Luft. Alle Männer hielten in jenem Moment den Atem an. Die Münze drehte sich in der Luft und fiel schnell zu Boden. Sie landete mit der Kopfseite nach oben, mitten unter dem hölzernen Kreuz. Alle Männer fassten Mut. Von ihrem Sieg und Gottes Hilfe überzeugt, kämpfte sich der kleine deutsche Zug zurück in den deutschen Frontabschnitt. Sie kämpften mit einer solchen Tapferkeit und Härte, dass die Schlacht bald gewonnen war.

Zurück im eigenen Stützpunkt trat mein Urgroßvater an den Zugführer heran. Er sagte zu ihm: „Niemand kann das Schicksal beeinflussen. Dieser großartige Sieg ist ein Beweis dafür.“ Der Zugführer schmunzelte, zog meinen Urgroßvater an sich heran und sagte: „Wer weiß!“ In diesem Moment übergab er meinem Urgroßvater eine Münze. Es war eine falsche Münze, die auf beiden Seiten einen Kopf zeigte. Mein Urgroßvater konnte es kaum glauben. Er nahm das falsche Geldstück und steckte es ein. Er behielt die Münze sein ganzes Leben. Erst kurz vor seinem Tod hat er die Münze an seinen Sohn verschenkt. Er war sich damals sicher, dass dieser die Münze brauchen würde – es war 1943.