Samstag, 28. April 2012

Nichts zu verlieren




Das Herz zerschossen, den Leib entstellt,
die Augen geblendet und den Kopf zerschellt.
Was willst du mir noch tun?
Was kannst du mir noch tun?

Die Freunde getötet, die Familie verfrachtet,
das Haus verbrannt und das Vieh geschlachtet.
Was willst du mir noch tun?
Was kannst du mir noch tun?

Den Glauben geraubt, die Ideale gebrochen,
die Moral gewürgt und den Richter erstochen.
Was willst du mir noch tun?
Was kannst du mir noch tun?

Reiche mir nicht deine falschen Hände.
Wirf mich weg, leblos ins Gelände.
Höre auf, um mich zu trauern,
willst dich ja nur selbst bedauern.

Ich habe nichts mehr zu verlieren,
kann nichts und alles zugleich riskieren.
Von mir aus bring mich nur um,
mir ists gleich, bin ich eben stumm.




Bildquellenangabe: Oliver Haja  / pixelio.de

Erwartungen


Erwartest du mich, so werde ich nicht zu dir kommen.
Rufst du nach mir, so werde ich dich nicht erhören.
Wenn du nach mir siehst, werde ich nicht da sein.
Wenn du mich berührerst, kannst du mich nicht fassen.




Bildquellenangabe: Gerd Altmann  / pixelio.de

Dienstag, 24. April 2012

Nichts ist heilig an diesem Ort



Ein Wanderer am Brunnen steht,
um ihn herum kein Lüftlein weht.
Endlich ist er angekommen,
hat den Ruf der Göttin hier vernommen.

Er lehnt am Brunnen und hält still,
weiß selbst nicht, was er will.
Er sieht ins Wasser und sieht dort rot,
als Spiegelbild erwartet ihn der Tod.

Der Wandersmann dann weiterzieht,
hofft, dass er das Glück in der Ferne sieht.
An alter Eiche hält er Wacht,
macht Feuer, denn es kommt die Nacht.

Er wärmt die Glieder und den Leib,
hört Stimmen, die sagen „Bleib!“.
Der Wanderer am Feuer steht,
will nun sprechen sein Gebet.

Er atmet ein und öffnet seine Lippen,
Plötzlich: Ein Schlag durch seine Rippen.
Er bricht zusammen und spukt Blut.
Herrlich, diese edle rote Flut.

Im Todeskampf der Wanderer ist,
er weiß: es war nur eine List.
Hier gibt es nichts, was heilig,
drum stirbt er, und zwar eilig.



Bildquellenangabe: piu700  / pixelio.de

Montag, 23. April 2012

Einsam wirds um mich herum



Einsam wirds um mich herum -
Kälte bricht herein und meine Glieder schmerzen.
Bäume brechen und mein Herz schlägt viel zu schnell.
Blüten welken und mein Kopf schlägt blutend auf.

Den Trauerschleier wag ich nicht zu lüften,
nur Leichengift kann ich noch riechen.
Die Augen nach unten, das Gesicht verdeckt,
so läuft ein Mann – stolz seines Angesichts.

Einsam wird’s um mich herum –
Kein Leichenschmaus und meine Glieder sind steif.
Keine Trauergäste und mein Herz steht still.
Keine Bestattung und mein Kopf blutet immerfort.

Den eichenen Sarg wag ich nicht zu öffnen,
zu heiß sind die Griffe, zu schwer sein Druck.
Die Augen verdreht, den Nacken gebrochen,
so liegt ein Mann – stolz seines Angesichts.


Bildquellenangabe: Kathrin Frischemeyer  / pixelio.de

Samstag, 21. April 2012

Hungersnot




Der Mensch, er lebet nicht vom Brot allein,
geht das Wagnis seines Lebens ein.
Er schmeißt hin und rennt hinfort,
will bloß weg – an fremden Ort.

Nicht Brot ists, was er braucht.
Das Leben ists, was Atem haucht.
Er sucht nicht Wasser und macht nicht Rast,
er weiß, dass er auf Erden nur ein Gast.

Der Mensch, er geht auf seinem Weg,
will durchbrechen sein Geheg‘.
Will man ihn halten und will man ihn zwingen
so steht er auf, dankt und fliegt davon auf seinen Schwingen.

Er verweigert die Nahrung,
will stattdessen Erfahrung.
Er kämpft gegen Windmühlen,
um sich lebendig zu fühlen.

Was er sucht, das ist nicht Brot,
es ist das Leben nach dem Tod.
Sein Hunger nicht im Körper ist,
drum er auch kein Brote isst. 



Bildquellenangabe: w.r.wagner  / pixelio.de

Freitag, 20. April 2012

Am Galgen



Die Schlinge immer fester zieht,
das Auge nur noch Schlechtes sieht.
Das Herz, das nur nach draußen will,
der Leib – er ist schon lange still.

Die Striemen am Hals in purpurnen Farben,
sie reißen das Fleisch und bringen die Narben.
Das Seil, so fest und so lang,
es ist der letzte Gang.

Noch ein Schritt und es ist vollbracht,
das tote Leben hängt sich in der Nacht.
Es glückt der Sprung, der Körper fällt,
- schon ist eine Seele aus der Welt.




Bildquelle: Christian Simon  / pixelio.de

Gestutzte Flügel


Der kleine Rabe sieht den Adler,
sieht seine Schwingen, seine Erhabenheit,
will zu ihm hinauf – doch fliegen kann er nicht.

Im Käfig sitzt er eingesperrt,
bewegt nur langsam seine Flügel,
will hinauf, dem Ruf des Adlers folgen,
doch fürchtet er, hinab zu stürzen.   

„Oh tapfrer Adler. Wie groß sind nur deine Flügel.
Wie kleine dagegen die meinigen. So sieh zu mir herab.
Sieh meinen Käfig und halte Wacht.“

Der große Adler, einsam in den Höhen,
fliegt seine Kreise – im Mittelpunkt der kleine Rabe steht.
„Komm zu mir, ich halte dich. Hab keine Furcht, kleiner Rabe.“

Schwarzes Gefieder, harter Schnabel –
des Raben Weh sein Käfig, seine kleinen Flügel – Furcht und Einsamkeit.
Eine Träne im rechten, ein Aufschrei im linken Auge – die Gewissheit,
den Adler über sich zu haben.

„Komm zu mir, ich halte dich. Hab keine Furcht, kleiner Rabe.“
Die Worte immer tiefer in das Herz hineinstoßen – hauchen Kräfte ein, schenken neues Leben.
Der Rabe voll Sehnsucht nun im Käfig schreit: „Geliebte Freiheit, geliebter Adler.“

Ein Blick gen Himmelszelt, der Rabe nun den Adler schaut – von Angesicht zu Angesicht.
Zitternd er im Käfig weint, voll Kummer er nach unten schaut.
Auf dem Boden, im Schmutz, im tiefen, tiefen Schmutz ein Schlüssel liegt.
Der Rabe, er sich fallen lässt, stürzt hinab in seinen Käfig – greift den Schlüssel.

Der Adler schon vorm Käfig wartet; dem Raben in die Augen blickt.
Voll Liebe und Zuversicht er den Käfig und den Raben hält.

Ein Klicken, ein Knacken, das Schloss ist offen – doch fliegen kann der Rabe nicht.
Er versucht zu schwingen, will es dem Adler gleich machen.
Doch des Adlers Flügel sind groß, die des Raben klein, zu klein – kaputt gestochen.

Der Adler einen Flügel streckt, dem Raben eine Brücke stellt.
Hinauf er klettert auf den Adler, lässt sich tragen in höchste Höhen.
Welch‘ Himmelfahrt von Adler und Raben!
Gemeinsam umfliegen sie die Welt
- und eines Tages: Der Rabe seine eigenen Flügel hat.

Dienstag, 17. April 2012

Heimweh




Ach wie wird mir, denk ich an Zuhause.
Fernes Heim in meiner Seele.
Der Kindheit Schutz in trauter Sphäre,
liebliches Familienglück.
Ohne mich – denn dieses Heim hatt‘ ich nicht.

Ohne Obdach ist mein Herz,
fern jeder Heimat lebe ich im Nirgendwo.
Aufnehmen kann mich niemand,
beschützen will mich niemand.
Einsam ist’s ohne Heim.

Denk ich zurück an jene Zeit,
an jene Kindertage in Kinderstube,
in Kinderschuhen und Kinderbett,
fallen Tränen in mein kleines Kindsgesicht.
Denn diese Zeit hatt‘ ich nicht.

Zerrissen ist der purpurne Vorhang,
eingestürzt der Tempel der falschen Göttin.
Selbst muss ich nun einen neuen errichten.
Wo bist du, oh sehnsuchtsstillende Freude?
Tief unter der Erde liegst du im Kindersarg.



Bildquellenangabe: sokaeiko  / pixelio.de

Sonntag, 15. April 2012

Der Seherin Offenbarung




Die Seherin am Meere steht,
sehnsüchtig ins Leere schaut;
wartend, voll Hoffnung und bereit für die Vision.

Runen im Sand, Othala und Sig, Wolfsgeschrei und Rabengesang, Wassersäulen heben sich,
die Seherin zu Boden stürzt.
Gen Himmel der mächtge Schrei ertönt: „Wallvater, dein Herz schenke mir. Deine Augen leuchten mir. Lass mich sehen, was du schon längst gesehen.“

Der Himmel tut sich auf, Wasser bricht, Feuer schweigt - die Seherin zum Messer greift.
Ein Schnitt und es ist vollbracht – ihr Blut, das sie sehend macht.
„Mein Blut geb ich dir, meine Augen schenk ich dir.“

Und sie begann zu sehen:
In dunklen Wäldern einen schwarzen Raben – einsam singend ein Lied der Prophezeiung.
In der Lüfte einen Adler – hoch oben über den Wolken wachend über der Prophezeiung Schicksal.
In den Bergen einen Wolf – das Geheimnis der Prophezeiung hütend.

Die Seherin an Kraft verliert - ihr ganzes Blut zu Wasser wird. Unter Schmerzen sie die Bilder wirft, der Ozean zum Blute wird.  
Im Traume sie den Raben grüßt.
Im Traume sie den Adler wirft.
Im Traume sie den Wolf beherrscht.

Wagt sie die blutigen Zeichen zu deuten, ihr Augenlicht auf immer schwind‘.
Die Seherin das Messer wirft, die Seherin die Runen löscht – Wölfe und Raben verstummen, das Wasser sich beruhigt, die Seherin zu Kräften kommt.

Der Prophezeiung Wahrheit offenbart – verstummt die Seherin und wirft sich in das Meer; doch sterben kann sie nicht.



Bildquelle: "Die Seherin Groa" von  Carl Ehrenberg

Mittwoch, 11. April 2012

Kämpfen nach dem höchsten Gesetz


Greift er mich rechts,
so steh ich links.
Schlägt er mich links,
so greif ich rechts.

Ist er schwer,
mach ich mich leicht.
Ist er leicht,
mach ich mich schwer.

Zieht er mich zurück,
so reich ich ihm die Hand,
reicht er mir die Hand,
halte ich inne und lächle.

Dienstag, 10. April 2012

Erdbeermund



Stets auf der Suche, niemals verweilend – meine Wege die deinigen kreuzten.

Dein Erdbeermund in Mondeslicht,
flüsternd meinen Namen spricht.
Dein Erdbeermund so süß und zart,
hat mir dein Enigma offenbart.

Deine sachte Stimme hat mein Herz belebt.
mein ganzer Körper vor dir bebt.
Du hast mir dein Licht gezeigt,
das Licht, das sich gen Ende neigt.

Deine Aura hat mich berührt,
hat mich verführt,
oh selig bist du, Königin der Nacht,
an deiner Seite halt ich Wacht.

Wie bleich deine Haut, wie kalt dein Blick,
halt mich fest im Augenblick.
Lass mich ruhen an deiner Brust,
so dass mir schwind die Lebenslust.

Dein weißer Leib, so starr und kalt,
deine Finger fest in mein Herz gekrallt.
Dieses Verlangen, dich zu fassen.
Dafür muss ich mein Leben lassen.

Oh Königin der Nacht,
küss mich zart und küss mich sacht.
Lass mich zu dir hinübertreten,
vergieß mein Blut und schenk mir Leben.

Dein Erdbeermund so schön und stark,
küss mich und nimm ich mit in deinen Sarg.
Dein Erdbeermund nun endlich schweigt,
mein Leben sich zu Ende neigt.



Bildquelle: Morgan Le Fay, aka Vivian, is portrayed in ‘The Beguiling of Merlin’ 1872-7 by Sir Edward Burne-Jones (1833 – 1898) Liverpool Museum

In Fesseln gelegt




Kalte Fesseln halten mich,
lassen mich nicht ran an dich.
Kalte Fesseln binden mich,
halten mich so jämmerlich.

Du bist so weit, so fern,
dabei hab ich dich so gern.
Ich suche dich, mein holder Stern,
doch kreise ich um meinen Kern.

Ich bin gefangen, komm nicht frei,
darum höre meinen Schrei.
Höre mich und komm herbei,
befreie mich durch Zauberei.



Bildquellenangabe: Rainer Jochens  / pixelio.de

Montag, 9. April 2012

Herzenswunsch


 Eine große Villa wünsch ich mir,
dazu drei Autos, am besten vier.
Doch halt! Zufrieden kann ich noch nicht sein.
Irgendwas fehlt, irgendein …

Mir fehlt noch eine klasse Frau,
vielleicht die, oder die, nein, die dahinten, ja genau!
Nein, ich will doch eine andere – oder alle?
Irgendwas fehlt, ich komm nicht aus der Falle.

Jetzt weiß ich‘s: ich will mehr Geld,
dann kauf ich mir die Welt.
Ich will reisen, viel erleben,
will vergessen, nur noch leben.

Ja, Leben ist’s, das ich nur will,
bin reich, bin schön und doch so still.
Wo soll das Leben sein, wenn nicht in diesen Dingen?
Kann es mir kein Geld der Welt nach Hause bringen?

Da erwachte das Herz und sprach:

Ich bin da, bin dein Leben,
will dir schenken und so viel geben.
Höre auf, zu jagen und zu bangen,
ich bin dein Herz und werd‘ dich fangen.

Ich muss weinen, wenn ich in dir schlage,
all dein Streben, all dein Wollen ist nur Plage.
Doch ich bin dein Herz, ich gehör zu dir.
Liebe und Zufriedenheit  - das wünsch ich mir.




Bildnachweis: Elisabeth Patzal  / pixelio.de



Samstag, 7. April 2012

Eingesperrt


Ewig lockt das große Geld,
und auch die Frau von Welt,
hat man eines oder auch beides,
weiß man: es ist nichts Gescheites.

Das Geld, das will man nicht mehr teilen,
die Frau, die solle ja verweilen,
so sperrt man beides ein
und weint in seinem Kämmerlein.

Donnerstag, 5. April 2012

Herzensringen

Des Menschen Herze einsam singt,
der Seelen ewig Trauer ringt.
Geplagt und gepeinigt,
vom Kummer gesteinigt.
Von Dornen gestochen,
ein Weh gesprochen.

Mittwoch, 4. April 2012

Bevor die Liste endet


 „Am Anfang steht immer der Tod. Von ihm geht alles aus, er beherrscht alles und führt zur Vollendung.“ Julia las diese Zeilen sehr langsam und aufmerksam. Noch einmal widerholte sie die Worte in ihrem Kopf. Noch einmal blickte sie in das knöcherne Gesicht von Gevatter Tod. Angespannt sah sie in seine hohlen, tiefen Augen, die Erhabenheit und Autorität verkündeten. Sie verlangte danach, seine schwarze Rüstung zu berühren, doch dafür war der Tod zu weit weg. Julia konnte sich nicht abwenden, sie wollte seine vermoderten Finger berühren, seinen kalten Atem spüren. Es dauerte mehrere Herzschläge, ehe sie sich unter Qualen abwenden konnte. Julia weinte bitterlich. Ihr sonst so zartes Gesicht ertrank in Tränen und ihre Wohnung wurde mit Schmerz und Kummer ausgefüllt. Zusammengesunken saß sie in einem großen Sessel und versuchte, unter all den Tränen nach Luft zu ringen. Es fiel ihr sehr schwer. In ihrer Trauer fühlte sie so starke Schmerzen, dass jeder Versuch, ihr die Schmerzen zu nehmen, es noch schlimmer gemacht hätte. Julia wischte sich ihr blondes Haar aus dem Gesicht und ihre leidvollen Augen blickten nun an die leere Zimmerwand. Für Julia hatte diese Leere etwas Magisches. Es schien fast so, als würde sie in eine Trance fallen, so sehr blickte sie in dieses Nichts hinein. Gefesselt von einem übernatürlich starken Gefühl der Sehnsucht und Einsamkeit blickte sie immer tiefer in die Wand. Ihr bohrender Blick schien verkrampft nach etwas zu suchen. Langsam wendete sie ihren Blick ab und ging hinüber zu einem kleinen Tisch, auf dem eine Lampe das düster wirkende Zimmer wenigstens etwas erhellte. Sie setzte sich auf einen Stuhl, nahm Zettel und Stift zur Hand und begann zu schreiben. Mit zittriger Hand schrieb Julia: „ Am Anfang steht immer der Tod – meine Liste mit Dingen, die ich vor meinem Tod noch tun möchte“. Sorgfältig legte sie den Stift beiseite und konzentrierte sich nur auf den Zettel. Es fiel ihr sichtlich schwer, ihre Gedanken in Worte zu fassen. Jedes Mal, wenn sie dachte, etwas gefunden zu haben, was sie unbedingt vor ihrem Tod tun wollte, begann sie zu zweifeln und zögerte mit der Niederschrift. Einmal dachte sie an Fallschirmspringen, doch dann erinnerte sie sich an ihre Flugangst. Etwas später kam ihr Klippenklettern in den Sinn, doch bei diesem Gedanken wurde sie an ihre Höhenangst erinnert. So ging es lange Zeit weiter. Jeder Gedanke, der sich in Julias Kopf ausbreitete, wurde durch einen Folgegedanken konsequent verneint. Sie wusste, dass wenn diese Liste voll werden sollte, müsse sie viele ihrer Ängste hinter sich lassen. Bei dieser Schlussfolgerung fühlte sie sich ganz und gar nicht wohl, immerhin hatte sie gute Gründe gefunden, bestimmte Dinge einfach nicht zu tun. Sie beschloss, ihre Liste zunächst mit leichteren Absichten zu beginnen. Wieder überlegte sie, was sie vor ihrem Tod noch tun könnte. Was sich nun in Julias Kopf abspielte kann man nur als Wirrwarr bezeichnen, denn sämtliche Gedanken kamen ihr völlig unsortiert in den Sinn. Sie wollte ihre Gedanken festhalten, doch ehe sie zum Stift greifen konnte, flogen die einen Gedanken hinaus und die nächsten kamen unangemeldet hinein. Sie erinnerte sich an eine Konzentrationsübung, die sie früher öfters angewendet hat.  Statt sich auf die wirren Gedanken zu konzentrieren, begann Julia damit, sich auf die Spitze ihres Stiftes zu konzentrieren. Sie sah jenes Stiftende mit ihren großen Augen ganz bedacht an. Kein Gedanke war nun zu viel in ihrem Kopf. Der Hintergrund schien förmlich zu verschwimmen, so sehr starrte sie auf die Spitze jenes Gegenstandes, der es nun vermochte, ihre Gedanken aus dem Kopf zu blasen. Kein Gedanke war mehr zu viel. Julia spürte deutlich die Entspannung, die von dem Stift ausging und ihren ganzen Körper zu erfassen vermochte. Ein tiefer Seufzer entglitt ihren Lippen. Sie drehte den Stift etwas nach links, dann etwas nach rechts, schließlich drehte sie ihn ganz und beobachtete dabei die rotierende Spitze. Abermals versuchte sie in ihrem Kopf nach Dingen zu forschen, die für sie so wichtig waren, dass sie sie unbedingt vor ihrem Tod noch tun musste. Langsam breitete sich Unmut in ihr aus, denn der Gedanke, dass ihr nichts einfiel, was sie vor ihrem Tod noch hätte tun sollen, beschäftigte sie so sehr, wie der Gedanke daran, dass ihr zu viel auf einmal einfiel, was sie noch alles hätte tun wollen, dass sie ganz vergessen hatte, sich auf die Spitze des Stiftes zu konzentrieren. Julia öffnete sacht das Tor zu ihrer Gedankenwelt und sprang voller Leidenschaft hindurch. Obwohl sie niemand hören konnte und Julia wusste, dass sie nur für sich spricht, sprach sie jenen einen Gedanken mit so starker Stimme aus, dass ihre Augen zu funkeln begannen. Sie sagte zu sich: „Julia will alles und nichts.“ Schnell ergriff sie den Stift und machte sich bereit, ihre Liste nun endlich zu beginnen. Sie erinnerte sich an die schöne Zeit in ihrer Vergangenheit. Damals dachte sie, dass es nur Gutes auf der Welt gäbe. Welch Torheit! Heute weiß sie es besser, aber die Erinnerung an jene gemeinsame Zeit, erfüllte sie mit Freude. Sie wollte unbedingt noch einmal jene tiefe Freude spüren, wie sie sie damals spüren durfte. Wieder stiegen Tränen in ihr auf, aber diesmal waren sie anders. Es waren keine Tränen der Trauer. Julia weinte um des Weinen Willens. Die Bilder in ihrem Kopf wurden immer deutlicher, immer lebendiger und immer gefühlvoller. Sie spürte förmlich ihre Vergangenheit. Julia schloss ihre Augen und gab sich den Bildern hin. Sie wachte auf einer großen weiten Wiese wieder auf, hier herrschte der vollkommene Frieden, kein Tod, keine Zweifel, kein Schmerz. Julia wusste, sie war nicht allein. Sie spürte seine Wärme, seine Ruhe und seine tiefe Liebe. Friedlich schloss Julia die Augen und lies sich von ihm streicheln. Jede Bewegung und jede Berührung konnte sie völlig genießen. Julia wollte nicht mehr aufwachen, so sehr gefiel ihr jener traumhafte Ort der Vergangenheit. Auf einmal spürte sie etwas Kaltes und Nasses. Ihr Körper begann zu zittern. Sie öffnete ihre Augen und sah vor sich Asphalt. Hinter sich hörte sie laute Schreie, Hilferufe und den vergeblichen Versuch, ein Feuer zu löschen. Julia wusste genau, wo sie nun war. Sie war einen Schritt an die Gegenwart herangetreten. Mit Angst drehte sie sich um und blickte auf zwei völlig zerstörte Autos. Ihr Körper wurde schwach, sie konnte nicht aufstehen. Jeder Versuch, sich zu bewegen, hätte sie zu Fall gebracht. So blieb sie auf dem kalten Asphalt sitzen und sah aus der Ferne dem Geschehen zu. Große Tränen rollten ihre Wangen runter, laut schrie sie auf und plötzlich erwachte sie. Julia fand sich in ihrer kleinen Wohnung wieder, ihre Hände zitterten. Als sie allmählich erkannte, wo sie war, konnte sie sich beruhigen. Julia holte tief Luft. Solche schmerzhaften Träume waren für sie keine Seltenheit. Seit dem sie allein lebte, überkamen sie spontane Träume, die ihr erst Freude schenkten, sich aber alsbald in das Gegenteil verwandelten und zur puren Angst wurden. Julia hatte ihre eigene Methode, damit umzugehen. Sie ging einige Schritte in ihrer Wohnung umher und las sich einen Spruch andauernd durch: „Am Anfang steht immer der Tod. Von ihm geht alles aus, er beherrscht alles und führt zur Vollendung.“ Sie spürte den Tiefgang jener Worte und fühlte die Macht, die davon ausging. Julia nahm sich ihre Liste und den Stift und setzte sich auf den Boden. Sie beschloss diese Liste zu Ende zu schreiben. Auch wenn sie keinen einzigen Haken an die Liste setzen könne, so möchte sie sie doch wenigstens geschrieben haben. Julia wusste, dass es für sie schwer werden würde, die Liste abzuarbeiten, wenn nicht gar unmöglich. Und doch hatte sie den Wunsch, die Liste zu schreiben. Sie wollte festhalten, was sie sich wünschte, auch wenn sie es niemals zu fassen bekommen hätte. Im Schneidersitz saß Julia nun in der kleinen Wohnung und begann mit Schreiben.
1. Schokolade essen
2. einen Urlaub am Meer erleben
3. Erdbeeren pflücken
4. um Verzeihung bitten
5. ein Gedicht schreiben
6. italienisch kochen
7. einen langen Waldspaziergang machen
8. ein Foto vom Vollmond aufnehmen
9. einen kleinen Garten pflegen
10. einen Hund halten
11. eine Familie gründen
12. kranke Menschen besuchen
13. alt werden
14.
15.
16.
Julia legte die Liste und den Stift beiseite, erhob sich langsam, ging in ihr Badezimmer, öffnete einen weißen Schrank und nahm mehrere kleine Tabletten heraus. Sie drehte den Wasserhahn auf, füllte ein Glas mit Wasser, nahm die Tabletten in den Mund und spülte sie mit dem Glas Wasser hinunter. Sie setzte sich langsam und schloss ihre Augen. Ihr Gesicht verriet, dass sie nun glücklich war, auch wenn sie es nicht geschafft hat, ihre Liste rechtzeitig zu beenden.

Dienstag, 3. April 2012

Im Brunnen




Vor dem Brunnen steht ein Mann,
ist gefangen von seinem Bann,
will hinab sehen und erkennen,
muss sich doch vom Leben trennen.

Er sieht in den tiefen Schacht.
Was hat er sich bloß gedacht?
Legt all seine Kleider hernieder
und singt seine Freiheitslieder.

In Stille greift er an die alten Steine,
es zittern seine schwachen Beine,
hält sich fest und wagt den Blick,
will sich sichern, doch fehlt der Strick.

Einsam steht er vor dem Brunnen,
in ihm kämpfen seine Hunnen,
er will den Kampf zu Ende bringen,
will nicht mehr mit sich selber ringen.

Drum steht er vor dem feuchten Loch
und sagt zu sich: nun springe doch.
Er will sich in die Tiefe stürzen,
sein Elend so verkürzen.

Sterben liegt ihm nicht im Sinn,
was er sucht ist Neubeginn.
Er muss das Wasser spüren,
muss seine Ängste berühren.

In der Enge sucht er Freiheit,
mit dem Wasser die Einheit,
im Brunnen gefangen,
um sich selbst zu bannen.

Auf dem Brunnen stehend,
zu seinem Gotte flehend,
nimmt er nun den letzten Mut
und springt in die enge Flut.

Nackt, allein und fast erfroren,
wird er zu neuem Leben auserkoren.
Seine Hunnen sind vertrieben,
einzig er ist zurückgeblieben.

Aus dem Wasser schöpft er Kraft,
die er braucht für seine Leidenschaft.
Er zersprengt die Mauern und
wird nie mehr trauern. 



Bildquellenangabe: M. Helmich  / pixelio.de

Montag, 2. April 2012

Der Eremit



Der Eremit

Im kalten Winter einsam heizen,
im heißen Sommer alleine schwitzen,
im kühlen Herbst einsam wandeln,
im warmen Frühling alleine sein.

Sich selbst erkennen und andere meiden,
sich abgrenzen und andere erkennen,
sich gelassen geben und die Welt beschenken,
sich besinnen und den Menschen helfen.

Der Neunte bin ich von Zweiundzwanzig,
der Eine bin ich von Achtundsiebzig,
der Leuchtende bin ich im Dunkel,
das Dunkel bin ich im Lichte.




Bildquellenangabe: Knase  / www.pixelio.de