Samstag, 31. März 2012

Zwei Berichte über Unnormales


In der Psychiatrie (ein Psychologe)
Ich möchte Ihnen heute von einem sehr schlimmen Fall der Geisteserkrankung berichten. Es handelt sich um einen erwachsenen Mann, der zwischen 30 und 35 Jahre alt ist. Wir haben Ihn vor einigen Wochen in die geschlossene Abteilung verwiesen, da sein Zustand sehr gefährlich war und immer noch ist. Bisher ist es uns gelungen, mithilfe einer genauen Medikation die Symptome so weit zu lindern, dass der Patient beruhigt werden konnte. Wie Sie wissen, ist es keine dauerhafte Lösung, den Betroffenen Medikamente zu verabreichen. Derzeitig überlegen wir sehr intensiv über mögliche Hilfeangebote, doch seine sehr speziellen Symptome machen es schwer, hier eine Entscheidung herbeizuführen. Der Patient leidet unter einem enorm starken Realitätsverlust. Dies ist vor allem darin erkennbar, dass er einzig von Visionen spricht, die er meint gesehen zu haben. Er ist nicht mehr in der Lage, Realität und Einbildung auseinanderzuhalten. Diese Tatsache ist für uns der Grund zur Sorge. Er kann sein Leben nicht mehr allein bewältigen. Sein Zustand ist sehr kritisch. Seine Wahnvorstellungen und die Fehlinterpretationen seines ursprünglich normalen Erlebens lassen den Schluss zu, dass es sich bei der Erkrankung um eine schwere Form der Schizophrenie handelt. Besonders die chronischen Halluzinationen – der Patient spricht von Engeln, Teufeln und anderen Fabelwesen – sind ein Merkmal jener Krankheit. Er leidet unter Sinnestäuschungen und unter Ich-Störungen. Es fällt ihm sehr schwer, über sich selbst zu sprechen. Wir konnten herausfinden, dass er vor allem nachts unter akustischen Halluzinationen leidet, die den Schlaf immens beeinträchtigen. Die Tatsache, dass der Erkrankte von seiner Wahrnehmung völlig überzeugt ist und unerschütterlich an seiner Überzeugung festhält, macht es besonders schwer, einfache Therapiemaßnahmen anzuwenden. Der Patient lässt sich nicht durch Fakten überzeugen und hält an seiner Wahrnehmung fest. Wir können ihn nicht umstimmen.

Bei einem Naturvolk (ein Medizinmann)
Ich möchte Ihnen heute von einem sehr schlimmen Fall der Geisteserkrankung berichten. Wie Sie wissen, leben wir sehr naturverbunden in unserer Welt. Wir sind stets darum bemüht, alle Bereiche unseres Lebens zu sichern. Vor allem der Kontakt zur Anderswelt ist uns sehr heilig. Wir reden jeden Tag mit unseren Ahnen und suchen den Rat des Orakels, um bei bestimmten Entscheidungen Gewissheit zu haben. Vor einigen Tagen kam ein junger Mann zu uns ins Dorf. Er schien lange Zeit gelaufen zu sein. Sein Körper war sehr geschwächt. Wir nahmen ihn sofort bei uns auf. Die Ältesten riefen die Schamanen unseres Stammes zusammen. Diese nahmen Kontakt zu den Ahnen dieses Mannes auf. Dadurch erfuhren wir, was ihm fehlte. Wir gaben ihm Wasser, legten ihn auf ein Bett und pflegten seinen Geist, damit er bei Bewusstsein bleiben konnte. Als er allmählich erwachte und uns sah, fragte er, wo er sei. Nachdem wir ihm eine Antwort gaben, fragte er, was wir ihm gegeben hätten. Da antworteten unsere Medizinmänner, dass sie einige Kräuter gemischt und eine Tinktur für die Gelenke hergestellt haben. Außerdem gab man ihm frisches Quellwasser. Als der Gast die Schamanen sah, erschrak er sehr und fragte, was das für Männer seien. Ich sagte ihm, dass er es diesen Männern zu verdanken habe, dass er noch am Leben ist. Sie nahmen Kontakt zur Anderswelt auf und fragten seine Ahnen, wie man ihm helfen könne. Der Mann sah uns alle sehr verwirrt an. Er schüttelte den Kopf und leugnete die Existenz der Anderswelt. Er sagte auch, dass es unmöglich sei, mit Toten zu kommunizieren. Die Schamanen und Medizinmänner verließen den Mann und berieten insgeheim das weitere Vorgehen. Sie wussten, dass er noch nicht geheilt war, da seine Wahrnehmung nur lückenhaft war. Er konnte nicht das Offensichtliche, die Anderswelt, erkennen. Dies machte uns allen Sorgen, da doch gerade der Kontakt zu den Ahnen, zu den Göttern und zu anderen Wesenheiten sehr wichtig war. Lange Zeit überlegten wir, was wir tun könnten. Die Schamanen berieten sich mit den Ältesten und riefen erneut die Ahnen um Hilfe an. Die Medizinmänner verabreichten Kräuter, um auf diese Weise helfen zu können. All das war vergebens. Schließlich mussten wir uns eingestehen, dass dieser Mensch niemals gesunden könne. Der Kranke blieb in seinen Überzeugungen unerschütterlich. Er ließ sich nicht durch Fakten überzeugen und hielt an seiner Wahrnehmung fest. Wir konnten ihn nicht umstimmen.

Donnerstag, 29. März 2012

Ein alter Holzhymnus



 

Esche im Schatten,
Ulme am Abhang,
Eiche unter der Sonne.

Holz ist Holz und doch nicht Holz.
Baum ist Baum und doch nicht Baum.

Tannenzweig in Kinders Hand,
Steinschneise im finstren Wald,
Eisenrauch erfüllt die Nacht,
klirrendes Geweih, heulende Wölfe;
einsam wandelt der Müde,
wacht in der Dunkelheit am Feuer.

Holz ist Holz und doch nicht Holz.
Baum ist Baum und doch nicht Baum.

In Morgenröte Holz wird weich,
Metall wird fest und sticht das Holz.
Runen sind’s, die er markiert,
die sein Holz nun führen sollen.
Das Feuer, erloschen ist’s, ist Segensort.

Holz ist Holz und doch nicht Holz.
Baum ist Baum und doch nicht Baum.

Erle im Sumpf,
Hasel am Felsen,
Weide am Wasser.



Bildquellenangabe: Peter Freitag  / pixelio.de